 zu vergessen, denn ich bebte damals vor dem Gedanken zurück, sie zu
betrügen, und mit dem Vorsatz, Ihnen, wenn auch nicht meine Liebe, doch meine
Aufmerksamkeit zu weihen, kam ich, um den Wunsch unserer Familien zu erfüllen,
und Ihnen meine Hand zu geben. O, Josephine! - seine Stimme wurde sanfter, und
durch Wehmut gebrochen, - weniger Stolz und mehr Wärme von Ihrer Seite hätte
mich damals an Sie gefesselt, und die Wünsche nach belohnter Liebe, deren Ziel
nun Marie lebhafter als jemals wurde, in mir erstickt. Ihre Nachsicht und Güte,
nur mit dem leisesten Schimmer von Zuneigung verbunden, hätte meine wilde
Leidenschaft bezwungen, meine leichtsinnigen Grundsätze verbessert, und mich zum
guten, glücklichen Menschen gemacht. Aber ich fühlte nur allzu deutlich, dass Sie
mit dem größten Kampf dem Befehl Ihrer Eltern folgten, und dass Sie mit
blutendem, widerstrebendem Herzen mir aus Pflicht verstatteten, Sie zu besitzen.
Die Kälte, die Sie mir wahrnehmen ließ, die gleichgültige Verachtung, mit der
Sie meine Gesinnungen beantworteten, statt mir liebevoll und duldend den bessern
Weg zu zeigen, empörte meinen Stolz, und befriedigte die Forderungen eines
Herzens nicht, das einst von Marien geliebt worden war. - Ich musste Sie achten,
aber lieben konnte ich Sie nicht! In meiner Seele stieg Mariens reizendes Bild
wieder auf, und die Sehnsucht nach ihrem Anblick erwachte mit doppeltem Feuer,
da der Ihrige nur meine Eigenliebe verwundete, und mir die Achtung für mich
selbst raubte.
    Diese allein war vorher der Schutzengel, der über Mariens Tugend und der
meinigen wachte. Ich errötete oft vor mir selbst, wenn ich mich beim Nachsinnen
der Möglichkeiten antraf, durch die Marie auf eine unrechtmässige Weise mein
werden konnte. Ich hielt mich für besser als ich war, und dieser Glaube schützte
mich vor dem Sinken. Aber nun, als er dahin war, als Ihr Stolz auf Ihre
unbefleckte Tugend mir so bitter hatte fühlen lassen, wie viel mir fehlte Ihnen
gleich zu sein, - da wagt' ich es Pläne zu entwerfen, und Dinge zu denken, vor
denen ich sonst mitten in meinen Ausschweifungen zurück geschaudert wäre. Ich
sah Marien wieder, - ich gewann sie durch das Versprechen einer heimlichen
Heirat, - sie wurde vollzogen, und ich lernte von diesem guten, edlen, sanften
Geschöpf in glücklichen Stunden, die nur das Bewusstsein meines Betrugs trübte,
welche unglaubliche Kraft die moralische Natur des Menschen hat, sich unter dem
Beispiel bescheidner, schonender Güte wieder empor zu richten und zu veredeln,
wenn sie auch noch so tief gesunken ist. -
    Ich empfand wieder den Wert meiner Bestimmung, fühlte wie ich hätte handeln
sollen, und bereute mein Vergehn, trotz dem Glück, das
