
Stunden beschränkt, und wenn es mir in diesem dunkel und verwirrt scheint, so
habe ich doch immer ein sicheres Mittel, wieder ins Klare zu kommen.
    Der Fremde. Und welches?
    Mein Vater. Ich suche mir die individuellsten Verhältnisse des Menschen, der
mir grundschief und verdorben scheint, ganz bekannt zu machen. Sein Alter,
Stand, Erziehung, Temperament, Vermögen, Freundschaften u.s.w. Dann greife ich
in meinen eigenen Busen, und fürwahr violes, vieles in seiner Handlungsweise
wird mir da leichter erklärlich, was mir außer jenen Beziehungen ungeheuer
dünkte.
    Der Fremde. Glauben Sie an den Saamen des Bösen in der Menschennatur?
    Mein Vater (lächelnd). Nicht in dem Sinn, wie Sie vielleicht meinen, mein
Herr; aber ich glaube, und fühle den Saamen der Schwachheit in jeder
menschlichen Brust; - glaube, dass nicht jeder sich halten kann, in der schönen
Freiheit des Herzens, dass er oft das begehrt, was er nicht sollte, und dadurch
zum Sklaven wird, weil er aus dem Gleichgewicht seines innren Wesens
heraustritt, wo er König und Herr sein könnte.
    Der Fremde. So sind wir eins! O wie freut, es mich, wenn ich ein Gemüt
finde, das seine Einheit bewahrte, das seine Wahrheit und Liebe lebendig
erhielt! Wer in diesem schönen Kreise der Menschheit zu bleiben strebt, kann
nicht irren, denn Wahrheit und Liebe sind das Wesen der Religion und
Philosophie, und erhalten die Gesundheit und Grazie der Empfindung. Ihr seid nun
einmal die privilegirten Seelenärzte - fuhr er freundlich lächelnd fort - und
mich dünkt, ich sei bei einem der bescheidensten, mithin der erfahrensten. Wie
bewahrt sich die Seele am freiesten im Kampf mit den widerstrebenden Eindrücken
von außen, und der Verdorbenheit um sich her?
    Mein Vater. Freund, vor allem möcht' ich Ihnen sagen: Alle gute Gabe kommt
von oben herab, vom Vater des Lichts!
    Der Fremde. Und wenn es Seelen gibt, die nur die Richtung gegen das Licht
kennen? Es windet sich die eingeschlossene Blume nach der Seite, wo ihr der
Lichtstrahl entgegendringt, aber die dunklen Schranken weichen nicht, und ihre
Farben bleiben matt und bleich. Was sollen diese tun?
    Mein Vater. Sich des geahneten Lichtes freuen, bis das Schicksal, oder eine
bis jetzt ungeahnete neue Kraft in ihrem Gemüt die Schranken zerbricht. Jedes
wahre innige Verlangen deutet auf die anziehende Kraft eines fernen
Gegenstandes.
    Der Fremde stand lebhaft von seinem Sitze auf, stellte sich dicht vor meinen
Vater, sah ihm fest, aber freundlich, ins Auge. Über meine Wangen flog eine
glühende Röte. Du wahrer Jünger Deines Herrn, sagte er mit sanftgehobener
Stimme, indem er meines Vaters beide
