 individuellsten Dasein behandeln, und dich selbst in jedem
Verhältnis auf die freieste und für andere am wenigsten drückende Art stellen.«
Sein Beispiel, sein stillwirkendes Leben erklärte mir den tiefen Sinn dieser
Rede.
    Wenn mich nicht häusliche Geschäfte abriefen, war ich größtenteils in einem
Kabinet, welches an meines Vaters Zimmer stieß. Ich fühlte mich in voller
Freiheit, und, war doch in immerwährender Aufsicht. Da mein Vater selbst nie in
eine gewisse Leere und Unbedeutenheit des Daseins versank, so lernte ich sie
auch nicht kennen; ich lebte in einem Zirkel stiller Geschäftigkeit, und mein
jugendlicher Frohsinn entwickelte sich mit einigen Gespielen meines Alters. Die
Kinder unserer Gutsherrschaft und ein paar Bauerkinder aus der Nachbarschaft
lockten mich zu allen kindischen Spielen, und mein Vater sah es gern, wenn ich
in körperlicher Behendigkeit die andern übertraf; selbst Rosine durfte kein
schiefes Gesicht machen, wenn ich mit zerrissener Schürze und Halstuch
zurückkam, aber ich selbst musste auch alles wieder in guten Stand bringen, und
wenn sie dazu helfen wollte, so war es nur Gefälligkeit. Ich hatte einige
Lehrstunden, um mich an regelmäßige Arbeit zu gewöhnen; aber mir damals
unbemerkbar war mein Vater, während dem ganzen Lauf des Tages, mit meiner
Bildung beschäftigt.
    Wir lebten in einer lieblichen Gegend, und die mannichfaltigen und großen
Naturgestalten um mich her nährten meinen Schönheitssinn. Das geheimnisvolle
Leben der Natur ergriff mich früh, und die sanften Schauer der Bewunderung
dehnten meinen Busen in erhabenen Gefühlen aus. Freundlich gesinnte Geister,
schien mirs, wandelten im wechselnden Spiel des Lichtes um die Häupter der
Berge, und in den buschigten Ufern des Flusses; ich empfand jenen namenlosen
Zauber, in den der Genuss der Schönheit uns wiegt, in vollem Masse. Mein Vater
ergriff diese reinsten aller Lebensmomente, um mein tiefstes Dasein mit dem
Gefühl Gottes und der Unsterblichkeit zu beleben. Die christliche Religion
lehrte mich mein Vater in ihrem wahren Sinn, kindlich und einfach, als das
Resultat der reinsten menschlichen Natur, der wir streben müssen uns zu nähern,
und sie in unserm innern und äußern Leben herzustellen.
    Mein glückliches Gedächtnis und mein leiser Sinn für die Schönheit brachte
meinen Vater auf den Gedanken, mich die alten Sprachen zu lehren, die er
entusiastisch liebte. Die langen Winterabende hinter den Spinnrocken oder am
Strickzeug vergingen uns so, dass er mir Stellen aus den Alten vorsagte, die ich
auswendig lernen und übersetzen musste. Die Kunstgestalten der alten Welt sollten
meine Einbildungskraft zum Schönen und Edelen stimmen, und mich lehren, meine
Sinne für den Eindruck des Gemeinen und Unwürdigen zu verwahren. Durch den Reiz
der Neuheit dringt oft ein gemeiner Gegenstand an unser Gemüt, und aus Mangel
an schöneren Bildern, die ihn verdrängen könnten, umfangen wir ihn mit
leidenschaftlichem Begehren.
