
Gelübde dreier Menschen an, die nach dem hohen Sinn der Schönheit streben. Noch
rein von jedem verfinsterten Hauche der Weltluft wird uns die himmlische
Klarheit Ihrer Seele die Gegenstände im treuesten Spiegel wiederstrahlen. Mit
Vergnügen, liebe Fräulein R**, antwortete ich, werde ich meine besten Gedanken
vor Ihnen und Ihren Freunden darlegen, weil ich Belehrung von Ihnen erwarte.
Julius schien mehr Wärme von mir zu erwarten, aber es lag von jeher in meinem
Wesen, dass ein exaltirter Ausdruck meine eignen Empfindungen herabstimmte. Mein
Vater hatte mich immer gelehrt, große Worte nur für wirklich große Dinge zu
brauchen.
    Ich verlebte alle Abende in derselben Gesellschaft in verschiedenen Häusern.
Fräulein R** und die beiden Albans waren geistvoll und liebenswürdig. Mein Herz
öffnete sich gegen sie; vorzüglich zog mich ihre zarte Neigung für ihren
Bräutigam an; der Odem der Liebe ist einer sehnsuchtsvollen Seele so erquickend.
Die Gräfin war sehr gefällig gegen mich, aber die glatten Weltsitten, vielleicht
noch mehr meine Zweifel über ihr Verhältnis zu meinem Freund, hielten jedes
vertrauliche Wort in meinem Busen zurück. Sie schien auch nur auf mein Äußeres
wirken zu wollen, und sagte mir nach den ersten Tagen: »Ich bin zufrieden mit
Ihrem gesellschaftlichen Betragen, und bewundere, wie Ihr Vater auch hier nur
die freie schöne Natur in Ihnen entfaltet hat. Sie besitzen die Elemente der
feinen Lebensart, sanfte bescheidene Gefälligkeit, und einen heitern Geist, der
immer die momentane Lage richtig fasst, und das passendste, was in ihr zu tun
ist, findet.«
    Wir sahen uns übrigens sehr selten allein, und ich konnte nicht begreifen,
wie die Gräfin mit so viel Geist und Geschmack, und in solch einer freien Lage,
den größten Teil ihrer Zeit in leeren, geistlosen Zirkeln verlor. Ich
bewunderte ihr Talent, mit dem großen Haufen zu leben, ohne dabei von ihrer
feinern Individualität etwas einzubüssen. Sie wusste die gehörige Entfernung der
feinen Lebensart vortrefflich zu benutzen, um ihr Verhältnis zu fremdartigen
Menschen auf die leichteste, beste Art zu stellen, und sich selbst die Ausserung
jeder gemeinen Empfindungsart zu ersparen. Da sie selbst bei den Zwisten der
kleinen armseligen Eitelkeit immer von Leidenschaft frei blieb, so wurde sie die
Vertraute jeder Partei. Nur selten zeigte sich ein Funke ihres überlegenen
Verstandes, vor welchem der Kurzsinn und die elende Egoisterei, gleich den
lichtscheuen Vögeln, in ihre Dunkelheit zurückflohen. In kleineren gewählteren
Zirkeln schien sie mir oft eine Schülerin der Aspasia. Jedes geringe Talent
fühlte sich in ihrer Gegenwart erhöht, und jedes edle wahrhaft menschliche
Gefühl stärkte sich. Die Unterhaltung war meist nur durch ihren Geist
interessant, aber er wirkte in so leisen flüchtigen Zügen, dass man seine
Wirksamkeit, wie das Element welches uns immer umgibt, nur genoss
