 meinem Vater, wie hoch über alle andere erhaben Er
mir erschiene. Mit einem milden Ernst in seinem Blick erwiderte er dann: Wenige
zwang das Schicksal mit so freundlicher Gewalt auf der Bahn des Rechten zu
bleiben, als mich. Manche Kraft wird zerstöhrt, ehe sie ihre wahre Richtung
empfängt. Ich hatte hohen Genuss und tiefes Leiden, aber die Flamme der reinen
Liebe erhielt mein besseres Leben. Eine Welt von Erinnerungen schien sich bei
solchen Äußerungen in seinem Innern zu entwickeln; sein Auge war gesenkt, er war
in sich selbst versunken, aber schnell, als von einem neuen Feuer belebt,
kehrten sich dann seine Blicke nach mir; er sagte mir ein freundliches Wort, gab
mir einen kleinen Auftrag, welchen ich vorzüglich gern befolgte; ich fühlte, dass
irgend ein Gefühl seinen Busen drängte, welchem er Gewalt antat, und es war mir
als schwebte auf seinen Lippen: »Du bist doch mein Liebstes in der Welt!« Über
meine Erziehung wachte er mit der Sorgfalt, mit der er jede einmal übernommene
Pflicht beobachtete. Er beschäftigte sich mit mir in seinen ernsten Stunden,
aber ich war auch sein liebstes Spiel in den wenig geschäftlosen Augenblicken,
die er sich vergönnte. Ich entsinne mich, dass er mich früh gewöhnte, die
Begriffe der Arbeit und Ordnung mit meinen Spielen zu verbinden; das geringste,
einmal angefangene Geschäft musste ich vollenden. Ich war weich und liebend
gebildet, und konnte auch keine leise Äußerung der Unzufriedenheit von meinem
Vater ertragen. Am tiefsten schmerzte mich, wenn er nach einer begangenen Unart
mich wenige Stunden von sich entfernte. Das Einkommen, von welchem das Hauswesen
bestritten wurde, war sehr mäßig, aber eine weise Einrichtung verbannte, mit
aller unnützen Verschwendung auf der einen Seite, auch allen Geiz auf der
andern. Nichts ging verloren, also war genug da, um ein reines ordentliches
Leben zu führen, und meine Jugend war reich an allen kleinen Freuden, die der
Wohlstand erzeugt.
    Diese einfachen Verhältnisse, durch die Kunst meines Vaters geleitet,
dienten mir zur Schule des Betragens für das künftige Leben. »Du sollst
herrschen und dienen lernen, mein liebes Kind,« sagte er mir zuweilen: »wenn man
beides mit Einsicht und mit Achtung für sich selbst zu tun versteht, so ist
eins so leicht als das andere; aber sicher ist es Quelle mannichfaltiger
Schiefheit und Verworrenheit in vielen Verhältnissen, wenn unsere Fähigkeit
ausschließend für das eine oder für das andere entwickelt wurde. Die
Ungeschicklichkeit, sich in irgend einer Lage zu betragen, zieht ein Heer
kleiner Übel um uns her, die endlich den Blick in die äußere Welt und in unser
Inneres umdämmern. Darum übe dich in allen Formen des Umgangs, und lerne jeden
Menschen nach seinem
