 nicht wohl versagen konnte.
Sie sind unter einem glücklichen Zeichen geboren, rief er aus, nachdem er
einige Linien gezogen hatte. Es ist nichts Streitendes in deinen Zügen, holdes
Geschöpf! O ermüde nicht, diese holde Einheit durch das innigste Streben deines
Gemütes zu erhalten! Deine ganze Tugend ist, das zu bleiben, wozu die Natur
dich machte. Dieses klare, blaue Auge vermag die Wahrheit vom Irrtum zu
scheiden, und unter dem freien Gewölbe dieser Stirn entwickeln sich die Gedanken
rein und zart. Wie fein ründet sich das Näschen, noch schwankend, ob es sich
mehr zur Vorsichtigkeit und Klugheit, oder zur gutmütigen, beinahe
leichtsinnigen Hingebung formen wird. Aber den Übergang von der Nase zur Lippe,
den hat ein guter Engel mit dem Finger der Liebe gezeichnet. Der Mund ist fest
und unverstellt; er sprach nur Wahrheit und Liebe. Gutes Mädchen, o lass deine
unentweihte Lippen nie etwas anders reden! Gott gebe dir eine glückliche Liebe,
und du kannst ein vollkommenes Weib werden.
    Er arbeitete während dieser Rede, die er ganz als einen Monolog zu
betrachten schien, an seiner Zeichnung fort. Als er die Hauptzüge entworfen
hatte, hielt er mir das Blatt vor die Augen, und sagte mit einem feierlichen
Ton: »So sind Sie jetzt; die Fülle der Jugend muss von der Zeit verweht werden,
aber möge nach dreißig Jahren derselbe reine Geist diese Formen durchatmen!
Sähe ich Sie wieder, und zum gemeinen Weibe gesunken, dann soll dieses Blatt Ihr
strafender Richter sein. Sollte in diesen geradblickenden treuen Augen je
Koketterie spielen, der liebeatmende Mund sich flach und falsch hin und her
ziehen - O ich sah schon mehr solche gefallene Engel! Wie ein armer Landmann auf
einem vom Hagel zerschlagenen Acker, den vor wenig Stunden noch eine blühende
Saat schmückte, so ging ich oft unter den Ruinen der Menschheit. Mädchen, rief
er aus, indem er mir freundlich die Hand bot, mache mir die Freude, ein reines
einfaches Weib zu bleiben, dem Wahrheit und Liebe über alles geht.
    Das ganz eigene Wesen dieses Mannes hatte mich bewegt. Es war eine solche
Wahrheit in seinem Ton und seiner Miene, dass alles Karrikaturmässige aus seinem
sonderbaren Benehmen verschwand. Werde ich Sie bald wieder sehen? fragte ich mit
einem herzlichen Anteil, der seinem Auge nicht entging. Gutes Kind, ich weiß
selten, was ich tun werde. Meine Zeit ist nicht mein, und mein Wirken folgt dem
großen Laufe der Begebenheiten, deren tausendfache Räder auch mein Individuum
forttreiben. Ich beobachte Sie vielleicht im Stillen und Ihnen unsichtbar, dann,
wann Sie es am wenigsten vermuten. Vielleicht auch verlange ich einmal als
Mahler Zutritt bei Ihnen. Sie sind der Kunst hold, üben Sie
