 Sie mich, Nordheim! sagte ich. O, Sie
kennen die Gewalt Ihrer Bitten nicht.
    Seine Augen ruhten mit innigster Zärtlichkeit auf mir. Welcher Himmel wohnte
in den klaren heitern Blicken, die im vollen Vertrauen der Liebe mein ganzes
Wesen umfassten!
    Da war kein Zweifel, kein scharfes Beobachten mehr, aber die selige Freiheit
eines Wesens das sich ganz hingibt, und ein reines Herz ganz und rein empfängt.
    Wie konnte ich ein solches Herz missverstehen, solche himmlische
Unbefangenheit! rief Nordheim aus. Bitter rächt das Schicksal meinen Irrtum,
mein Zögern, meine Untreue an mir selbst, da ich der bessern Überzeugung des
Herzens entfloh.
    Ich wünschte nicht meine teure Agnes zu überreden, sondern zu überzeugen,
fuhr er fort. Der Drang der Verhältnisse muss meine grelle Darstellung unsrer
Lage entschuldigen. Ihr Großvater ist ein schwacher unempfindlicher Mann; Ihre
Mutter zärtlich, hingebend und durch lange Leiden mutlos. Ihr Onkel keines
tiefen Eindrucks fähig, gibt fremde Empfindungen eben so leicht wie seine
eignen auf, und wird immer in seinen Handlungen von äußern Rücksichten
hingerissen, so sehr sein reiner Verstand sich zu einer entgegengesetzten
Handlungsweise bekennt. Was haben wir von dem Zusammenfluss dieser Charaktere zu
erwarten? Der Fürst wird nur der Notwendigkeit nachgeben, und diese allein wird
Ihre Mutter und Ihren Onkel zu einem festen Betragen bewegen.
    Ich bin gewiss, dass der Minister kein Verbrechen wagt, auch ist Ihr Vater
durch die Treue und Redlichkeit des Kommandanten geschützt.
    Hohenfels Gefangennehmung ist ein Eingrif in die Vorrechte unsres Standes,
der nicht ungeahndet bleiben wird. Die Stimme der Freiheit, die uns nicht mehr
ins Feld zum ofnen Kampf gegen die Unterdrückung lockt, ist darum nicht
verstummt. Der Geist jeder Zeit liefert Waffen gegen ungerechte Unterdrückung,
für den der sie zu gebrauchen versteht.
    Die kalte arglistige Politik, mit welcher der Minister gegen uns wirkt, soll
vor dem Geradsinn des Rechts und der Unschuld zu Schanden werden. Ich darf es
hoffen, der Fürst selbst wird sich zu uns wenden, wenn wir ihn aus den Banden
der Gewohnheit gerissen haben.
    Diese armseligen Menschen, die sich zu allem brauchen lassen, deren erstes
Gut die Gunst ihres Herrn ist, ziehen die edelsten Charaktere in ihr niedriges
Gewerbe herab. Julius, ihr Vater und ich, sollten wir nicht den Kampf mit einem
eigennützigen schädlichen Toren wagen?
    Ein edler Unwille glühte auf Nordheims Stirn. Ich fühlte mich hingerissen,
aber die Besorgnisse meiner Mutter um die Sicherheit meines Vaters, die Furcht
ein unwiederbringliches Gut zu verlieren, kämpfte mit meiner Neigung, dem
Geliebten zu folgen.
    Geben Sie mir ein Recht, meine Agnes, Sie vor jeder Gewalt zu beschützen,
sagte Nordheim zärtlich. Nachdem wir den Segen Ihres Vaters von Hohenfels
empfangen haben, eilen wir nach
