 er könnte in diesem
Zustand einer harten, ungerechten Handlung fähig sein; höchst gefährlich wäre
es, ihn zu reizen, so lange Hohenfels in seinen Händen ist. Er kennt keinen
Frieden, bis Agnes verheiratet und entfernt ist. Die fieberhafte Verspannung
seines Wesens, bei seiner Ermattung, seinen dumpfen Vorstellungen, flösset mir
inniges Mitleid ein.
    Wie furchtbar sind die starken Züge des Gemüts im Alter, wenn sie nicht von
der Wahrheit belebt werden!
    Ich deutete schon gestern auf eine Idee, die vielleicht alle Parteien
vereinte. Meinem Vater war sie nicht fremd, da er sich schon sonst einmal dafür
interessiert hatte.
    Der -sche Hof wünschte schon längst Julius als seinen Geschäftsträger in
England. Wenn wir meinen Vater bewegen könnten, Julius statt des jungen Salm als
einen Gemahl für Agnes zu wählen, so wäre ihr Schicksal, wo nicht ganz der
Wunsch ihres Herzens, doch gewiss sorgenlos und heiter. Wüsste ich Nordheims
Aufenthalt, ich würde ihn zuerst mit der ganzen Lage bekannt machen, und alles
der Leitung seines höheren Sinns überlassen.
    Indes sind die Umstände dringend. Hohenfels muss befreit werden. Bald sollst
du deine Tochter sehen, wir müssen alles versuchen, ihr Herz zum Gehorsam zu
stimmen.«
Diese Blätter zogen mich in eine Welt neuer Verhältnisse und Gefühle. Seit
meiner Jugend war mein Leben nur durch ein einziges Band gehalten. Die
Zufriedenheit meines Vaters in Hohenfels, war, nach der innren Regel des Rechts
in meinem Gemüt der einzige feste Gesichtspunkt, nach dem sich alle meine
Handlungen richteten. Meine ganze Wirksamkeit strebte nach diesem Ziel. Für
meinen Vater hatte jeder meiner Schritte Bedeutung, und ich fühlte mein Glück
oder Unglück nur in seinem Herzen. Seitdem Nordheims Bekanntschaft mein Wesen
den Stürmen der Leidenschaft öffnete, in Momenten wo die Hoffnung entfloh, der
Puls des Lebens in meinem Herzen stockte, und starre Fühllosigkeit mich ergriff,
da erhielt mich das Andenken meines Vaters. Über den Anteil, den er an meinen
Leiden nehmen würde, vergoss ich lindernde Tränen, und meine Seufzer nach dem
Unendlichen, in dem wir die ganze Verkettung unsers Schicksals denken, hatten
den Sinn: Mache mich glücklich, damit mein Vater sich meines Glücks erfreue!
    Nordheims Liebe hielt mich mit einem neuen allgewaltigen Band umschlungen.
Die Sorge für sein Glück begleitete jeden Pulsschlag meines Herzens. Jetzt
erschienen die Gestalten meiner liebenden Eltern, die an meinem Herzen Ruhe
suchten, und in meinem heitern Leben Trost, Freude, und Ersatz für ihr eigenes
schmerzliches Schicksal finden wollten!
    Unaussprechliches Mitleid füllte mein ganzes Wesen. Mein eigenes Dasein
verlor sich gleichsam in diesem Gefühl; ich hätte alles aufopfern können -
selbst das Glück meiner Liebe - nur nicht Nordheims Zufriedenheit. Wenn ich ihn
leidend dachte, leidend durch mich! dann versagte
