 Tiefe, und wir fassen die Natur in ihrem zartesten Gewebe
und ihren stärksten Banden.
    So verlebte ich einige glückliche Monate, die schönsten meines Lebens, denn
ein wohltätiger Schleier ruhte auf allen meinen drückenden Verhältnissen. Nur
zuweilen erinnerte mich ein so sorgenvoller Blick meiner Freundinnen an die
unsichere Blüte meines Glücks.
    Mein Gemahl schien in einem edlen Selbstvertrauen über jede Besorgnis
erhoben. Die reine Tätigkeit in der sein Leben hinfloss, sein immerwährendes
Wirken für fremdes Wohl, und sein Leben mit der Natur, gaben seinem Gemüt jene
schöne seltene Einfachheit und Klarheit, zu der notwendig auch ein freundliches
Geschick mitwirken muss.
    Sein Herz hatte die schöne Gewohnheit gefasst, nur durch Sympatie zu
genießen und zu leiden, und selbst seine Leidenschaft für mich war nur eine
lebhaftere Farbe dieser Sympatie. Seine Liebe hatte mich aus dem traurigsten
Zustand gerissen, und seine Freude an meiner Genesung erhöhte den Genuss der
Leidenschaft.
    Welch seltnes Talent zur Glückseligkeit lag in dem Gemüt deines Vaters!
Welches Vermögen zum reinen freien Leben in dem schönsten und höchsten!
    Aber ein feindliches Schicksal zerstöhrte dieses schöne zarte Dasein, und
warum musste es meine Hand dazu leihen? Durch mich musste die reine Natur deines
Vaters alle schmerzlichen Gestalten des Lebens kennen lernen, Gewalt der
Leidenschaften und den Druck quälender Verhältnisse, vor welchen sein milder
Sinn, der sich nie vor dem Ausspruch seines klaren Verstandes entschied, ihn
vielleicht immer beschützt hätten.
    Er hielt sich so viel an dem Hofe meiner Schwester auf, als es nur immer
unsre Lage und die strengste Vorsichtigkeit, welche wir uns auflegen mussten,
erlaubte.
    Wir glaubten unser Glück jedem neidischen Auge verborgen. Meine Freundinnen
wachten über jeden allzulebhaften Ausdruck der Bewegungen meines Herzens, und
ihr inniger Anteil an meinem Glück löste mein ganzes Wesen in Genuss und Liebe
auf. Meine Schwester war sehr unglücklich verheiratet, und hatte eine zärtliche
Leidenschaft überwunden, als ich zu ihr kam. Die tiefe Wunde, welche ihr Herz
davongetragen, machte sie empfänglicher meinen Schmerz zu verstehen und zu
teilen. Sie freute sich, mich einem Schicksal entzogen zu haben, dessen
Bitterkeit sie jede Minute empfand, und suchte sich, so viel als möglich, mit
mir in die freundliche Täuschung zu versetzen, als sei das Geheimnis meines
Glückes für immer gesichert.
    Mein Gemahl war für einige Tage auf seine Güter gereist, als sich der
Minister meines Vaters ganz unerwartet bei meiner Schwester anmelden ließ, und
sich sogleich des Auftrags entledigte, dass er nach dem Befehle meiner Eltern
mich wieder zu meiner Mutter bringen sollte; der Unwille meines Vaters wäre
besänftigt, und meine Mutter wünschte meines Umgangs wieder zu genießen.
    Meine Schwester verbarg mit Mühe ihre Verlegenheit, suchte tausend
Ausflüchte: meine schwächliche Gesundheit, den allzuheftigen Eindruck, den jedes
harte Benehmen meines Vaters
