 eingefallen, oder was er sich erinnert, gelesen, oder gehört hat, in
eins fasst.«
    »Ihr habt sehr recht«, sagte Lukas, »etwas im eigentlichsten Verstande aus
der Luft zu greifen, wäre gewiss das Seltsamste, das dem Menschen begegnen
könnte. Es wäre eine ganz neue Art von Verrückung, denn selbst der Wahnsinnige
erfindet seine Fieberträume nicht. Die Natur ist also die einzige Erfinderin,
sie leiht allen Künsten von ihrem großen Schatze; wir ahmen immer nur die Natur
nach, unsre Begeisterung, unser Ersinnen, unser Trachten nach dem Neuen und
Vortrefflichen ist nur wie das Achtgeben eines Säuglings, der keine Bewegung
seiner Mutter aus den Augen lässt. - Wisst Ihr aber wohl, Albrecht, welchen Schluss
man aus dieser Bemerkung ziehen könnte? Dass es also in den Sachen selbst, die
der Poet oder Maler, oder irgendein Künstler darstellen wollte, durchaus nichts
Unnatürliches geben könne, denn indem ich als Mensch auf den allertollsten
Gedanken verfalle, ist er doch an sich natürlich und der Darstellung und
Mitteilung fähig. Von dem Felde des wahrhaft Unnatürlichen sind wir durch eine
hohe Mauer geschieden, über die kein Blick von uns dringen kann. Wo wir also in
irgendeinem Kunstwerk Unnatürlichkeiten, Albernheit, oder Unsinn wahrzunehmen
glauben, die unsre gesunde Vernunft und unser Gefühl empören, da müsste dies
immer nur daher rühren, dass die Sachen auf eine ungehörige und unvernünftige Art
zusammengesetzt wären, dass Teile daruntergemengt sind, die nicht hineingehören,
und die übrigen so verbunden, wie es nicht sein sollte. So müsste also ein
höherer Geist, als derjenige war, der es fehlerhaft gemacht hatte, aus allem
Möglichen etwas Vortreffliches und Würdiges hervorbilden können.«
    Dürer nickte mit dem Kopfe Beifall, und wollte eben das Gespräch fortsetzen,
als Lukas' Frau ausrief: »Aber, lieben Leute, hört endlich mit euren gelehrten
Gesprächen auf, von denen wir Weiber hier kein Wort verstehen. Wir sitzen hier so
ernstaft wie in der Kirche, verspart alle eure Wissenschaften bis das
Mittagsessen vorüber ist.« - Sie schenkte hierauf einem jeden ein großes Glas
Wein ein, und erkundigte sich bei Dürer, was er auf der Reise Neues gesehen und
gehört habe. Albrecht erzählte, und Franz Sternbald saß in tiefen Gedanken. In
den letzten Worten des Lukas schien ihm der Schlüssel, die Auflösung zu allen
seinen Zweifeln zu liegen, nur konnte er den Gedanken nicht deutlich fassen; er
hatte von seinem Lehrmeister noch nie eine ähnliche Äußerung über die Kunst
gehört, es schien ihm sogar, als wenn Dürer auf diesen Gedanken nicht so viel
gebe, als er wert sei, dass er die Folgen nicht alle bemerke, die in ihm lägen.
Er konnte auf das jetzige Gespräch nicht achtgeben, vorzüglich
