 breit alles
übersieht, einzelne Hügel und lichte Waldgegenden, und oben in der Ferne die
sonderbare Burg, mit ihrer auffallenden Bauart. Es ist, als wenn die tote Natur
hier das ganze menschliche Leben überschaute. Ich glaube auch, dass manche Leute,
die mehr guten Willen vernünftig zu sein als Verstand haben, den gewählten
Gegenstand selbst als etwas Albernes tadeln dürften: ein Rittersmann, der vor
einer unvernünftigen Bestie kniet. Aber das ist es gerade, was mir so sehr daran
gefällt. Es ist etwas so Unschuldiges, Frommes und Liebliches darin, wie der
Jagdmann hier kniet, und das Hirschlein mit seiner kindischen Physiognomie so
unbefangen dreinsieht, im Kontrast mit der heiligen Ehrfurcht des Mannes; dies
erweckt ganz eigene Gedanken von Gottes Barmherzigkeit, von dem grausamen
Vergnügen der Jagd, und dergleichen mehr. Nun beobachtet einmal die Art, wie der
Ritter niederkniet; es ist die wahrste, frommste und rührendste: mancher hätte
hier wohl seine Zierlichkeit gezeigt, wie er Beine und Arme verschiedentlich zu
stellen wüsste, so dass er durch Annehmlichkeit der Figur sich gleichsam vor jedem
entschuldige hätte, dass er ein so törichtes Bild zu seinem Gegenstande gemacht.
Denn manche zierliche Maler sind mir so vorgekommen, dass sie nicht sowohl
verschiedentliche Bilder ausführen, als vielmehr nur die Gegenstände brauchen,
um immer wieder ihre Verschränkungen und Niedlichkeiten zu zeigen; diese putzen
sich mit der edlen Malerkunst, statt dass sie ihr freies Spiel und eine eigene
Bahn gönnen sollten. So ist es nicht mit diesem Hubertus beschaffen. Seine
zusammengelegten Beine, auf denen er so ganz natürlich hinkniet, seine
gleichförmig aufgehobenen Hände sind das Wahrste, was man sehen kann; aber sie
haben nicht die spielende Anmut, die manche der heutigen Welt über alles
schätzen.«
    Lukas ward durch den Besuch von einigen Freunden unterbrochen, mit denen er
und Franz sich zu Tische setzten. Man lachte und erzählte viel, von der Malerei
ward nur wenig gesprochen.
 
                                Drittes Kapitel
Franz hielt sich längere Zeit in Leiden auf, als er sich vorgenommen hatte, denn
Meister Lukas hatte ihm einige Konterfeie zu malen übergeben, die Franz zu
dessen Zufriedenheit beendigte. Beide hatten sich oft von der Kunst unterhalten,
Franz liebte den Niederländer ungemein, aber doch konnte er in keiner Stunde das
Vertrauen zu ihm fassen, das er zu seinem Lehrer hatte, er fühlte sich in seiner
Gegenwart gedemütigt, seine freiesten Gedanken waren gefesselt, selbst Lukas'
fröhliche Laune konnte ihn ängstigen, weil sie von der Art, wie er sich zu
freuen pflegte, so gänzlich verschieden war. Er kämpfte oft mit der Verehrung,
die er vor dem niederländischen Meister empfand, denn er schien ihm in manchen
Augenblicken nur ein Handwerker zu sein; wenn er dann wieder den hurtigen
erfinderischen Geist betrachtete
