 Bilde gleich auf den
ersten Blick ansehen können, wo es gewachsen ist; man wird nur etwas, wenn man es
ganz und nichts halb wird, und so haben die echten italischen Meister auch
gedacht. Wenn ich Euch also raten soll, so stellt lieber Eure Reise nach Italien
ganz ein und bleibt im Vaterlande, denn was wollt Ihr dort? Meint Ihr, Ihr
werdet die italischen Bilder mit einem andern als einem deutschen Auge sehen
können? so wie auch kein Italiener die Kraft und Vortrefflichkeit Eures Albert
Dürer jemals erkennen wird; es sind widerstrebende Naturen, die sich niemals in
denselben Mittelpunkt vereinigen können. Wenn Ihr hingeht, so wird jedes neue
Gemälde, jede neue Manier eine neue Lust in Euch erwecken, Ihr werdet in ewiger
Abwechselung vielleicht arbeiten, aber Euch niemals üben, Ihr werdet kein
Italiener werden und könnt doch kein Deutscher bleiben, Ihr werdet zwischen
beiden streben, und die Mutlosigkeit und Verzagteit wird Euch am Ende nur noch
viel stärker als jetzt ergreifen. Ihr findet meinen Ausspruch vielleicht hart,
aber Ihr seid mir wert, und darum wünsche ich Euer Bestes. Glaubt mir, jeder
Künstler wird, was er werden kann, wenn er ruhig sich seinem eigenen Geiste
überlässt, und dabei unermüdet fleißig ist. Seht nur Euren Albert Dürer an; ist
er denn nicht ohne Italien geworden, was er ist? denn sein kurzer Aufenthalt in
Venedig kann nicht in Rechnung gebracht werden: und denkt Ihr denn mehr zu
leisten als er? Auch unsre besten Meister in den Niederlanden haben Italien
nicht gesehen, sondern einheimische Natur und Kunst hat sie grossgezogen; manche
mittelmäßige, die dort gewesen sind, haben eine fremde Manier nachahmen wollen,
die ihnen nimmermehr gelingt, und als etwas Erzwungenes herauskömmt, das ihnen
nicht steht, und sich in unsrer Gegend nicht ausnimmt. Mein lieber Sternbald,
wir sind gewiss nicht für die Bildsäulen, die man jetzt entdeckt hat und immer
mehr entdeckt, und aus denen viele, die sich klug dünken, was Sonderliches
machen wollen, diese Antiken verstehen wir nicht mehr, unser Fach ist die wahre
nordische Natur; je mehr wir diese erreichen, je wahrer und lieblicher wir diese
ausdrücken, je mehr sind wir Künstler. Und das Ziel, wonach wir streben, ist
gewiss ebenso groß als der poetische Zweck, den sich die andern vorgestellt
haben.«
    Franz war noch in seinem Leben nicht so niedergeschlagen gewesen. Er glaubte
es zu empfinden, wie er noch keine Verdienste habe: diese Verehrung der Kunst,
diese Begier, Italien mit seinen Werken zu sehen, hatte er immer für sein
einziges Verdienst gehalten, und nun vernichtete ein verehrungswürdiger Meister
ihm auch dieses gänzlich. Zum ersten Male erschien ihm sein ganzes Beginnen
töricht und unnütz. »Ihr
