 seid. Ich kann mir Eure
Verfassung wohl so ziemlich vorstellen, aber ich bin niemals in solcher
Gemütsstimmung gewesen. Von der frühsten Jugend habe ich einen heftigen Trieb in
mir empfunden, zu bilden und ein Künstler zu sein; aber von je an lag mir die
Nachahmung klar im Sinne, dass ich nie zweifelhaft war oder zögerte, was aus
einer Zeichnung werden sollte. Schon während der Arbeit kam mir dann ein andrer
Entwurf ganz deutlich in die Vorstellung, den ich ebenso schnell und ebenso
unverzagt als den vorigen ausführte, und so sind meine zahlreichen Werke
entstanden, ob ich gleich noch nicht alt bin. Euer Zagen, Eure zu große
Verehrung des Gegenstandes ist, will mich dünken, etwas Unkünstlerisches; denn
wenn man ein Maler sein will, so muss man doch malen, man muss beginnen und
endigen. Eure Entzückungen könnt Ihr ja doch nicht auf die Tafel tragen. Nach
dem, was Ihr mir gesagt habt, müsst Ihr viele Anlagen zu einem Poeten haben, nur
muss ein Dichter auch mit Ruhe arbeiten. Ein Reisender hat mir kürzlich etwas
Ähnliches von dem großen Meister Leonard von Vinci erzählt, dieser, obgleich ihm
alle die geheimsten Tiefen und Hilfsmittel der Kunst zu Gebote standen, war auch
oft unentschlossen und zaghaft, grübelte, verwarf und studierte von neuem: und
ist es nicht zu beklagen, dass er, ungeachtet seiner Meisterschaft, ungeachtet
seines langen Lebens, nur so wenige Werke zustande gebracht hat? Das wenige, was
ich von ihm gesehen habe, hat mir den Wunsch abgelockt, dass er doch immer möchte
gemalt haben. - Erlaubt mir, dass ich Euch noch etwas sage: Ich habe mich von
jeher über die Künstler gewundert, die Wallfahrten nach Italien, wie nach einem
gelobten Lande der Kunst anstellen, aber nach dem, was Ihr mir von Eurem Gemüt
erzählt habt, muss ich mich billig über Euch noch mehr verwundern. Warum wollt
Ihr Eure Zeit also verderben? Mit Eurer Reizbarkeit wird Euch jeder neue
Gegenstand, den Ihr erblickt, zerstreuen, die größere Mannigfaltigkeit wird Eure
Kräfte noch mehr niederschlagen, sie werden alle verschiedene Richtungen suchen,
und alle diese Richtungen werden für Euch nicht genügend sein. Nicht, als ob ich
die großen Künstler Italiens nicht schätzte und liebte, aber man mag sagen was
man will, so hat doch jedes Land seine eigne Kunst, und es ist gut, dass es sie
hat. Ein Meister tritt dann in die Fußstapfen des andern, und verbessert was bei
ihm etwa noch mangelhaft war; was dem ersten schwer war, wird dem zweiten und
dritten leicht, und so wird die vaterländische Kunst endlich zur höchsten
Vortrefflichkeit hingeführt. Wir sind einmal keine Italiener und ein Italiener
wird nimmermehr deutsch empfinden. Darum soll man jedem
