 Menschen so viele Sehnsucht, so
manche Wünsche ablockt, um nur das innerste Bekenntnis ihres Herzens, das
Bewusstsein der großen Wahrheit sich zu behaupten und andern mitzuteilen; - wenn
ich diese erhabenen Gestalten in ihrer himmlischen Glorie vor mir sehe, und nun
noch bedenke, dass es einzelnen Auserwählten gegönnt ist, dass sich ihnen das
volle Gefühl, dass sich ihnen jene Helden und der Sohn Gottes in eigentümlichern
Gestalten und Farben als den übrigen Menschen offenbaren, und dass sie durch das
Werk ihrer Hände schwächeren Geistern diese Offenbarungen wieder mitteilen
dürfen: wenn ich mich dazu meiner Entzückungen vor herrlichen Gemälden erinnere,
seht, so entschwindet mir meist aller Mut, so wage ich es nicht, mich jenen
auserwählten Geistern zuzurechnen, und statt zu arbeiten, statt fleißig zu sein,
verliere ich mich in ein leeres untätiges Staunen.«
    »Ihr seid brav«, sagte Meister Lukas, ohne von seinem Bilde aufzusehn, »aber
das wird sich fügen, dass Ihr auch Mut bekommt.«
    »Schon mein Lehrer«, fuhr Franz fort, »hat mich deshalb getadelt, aber ich
habe mir niemals helfen können, ich bin von Kindheit auf so gewesen. Doch
solange ich in Nürnberg lebte, in der Gegenwart des teuren Albrecht, bei meinem
Freunde, und von alle dem bekannten Geräte umgeben, konnte ich mich doch immer
noch etwas aufrecht erhalten. Ich lernte mich aus Gewohnheit ein, den Pinsel zu
führen, ich fühlte, wie ich nach und nach weiterkam, weil es immer derselbe Ort
war, den ich wieder betrat, weil dieselben Menschen mich aufmunterten, und weil
ich nun auf einer gebahnten Straße geradeaus ging, ohne mich weiter rechts oder
links umzusehn. Freilich durfte ich keine neue Erzählung hören, keinen neuen
verständigen Mann kennenlernen, ohne etwas irre zu werden; doch fand ich mich
bald wieder zurecht. Aber seit meiner Abreise aus Nürnberg hat sich alles das
geändert. Meine innerlichen Bilder vermehren sich bei jedem Schritte, jeder
Baum, jede Landschaft, jeder Wandersmann, Aufgang der Sonne und Untergang, die
Kirchen die ich besuche, jeder Gesang den ich höre, alles wirkt mit quälender
und schöner Geschäftigkeit in meinem Busen, und bald möcht ich Begebenheiten in
Landschaften, bald heilige Geschichten, bald einzelne Gestalten darstellen; die
Farben genügen mir nun nicht, die Abwechselung ist mir nicht mannigfaltig genug,
ich fühle das Edle in den Werken anderer Meister, aber mein Gemüt ist nunmehr so
verwirrt, dass ich mich durchaus nicht unterstehen darf, selber an die Arbeit zu
gehen.«
    Lukas hielt eine Weile mit Malen inne und betrachtete Sternbald sehr
aufmerksam, der sich durch Reden erhitzt hatte, dann sagte er: »Lieber Freund,
ich glaube, dass Ihr so auf einem ganz unrechten Wege
