 gabst,
Ihm mit allen Sinnen glühtest,
An dem Schatten dich erlabst -
Was dein Geist als Zukunft dachte,
Dein Entzücken Kunst genannt,
Was als Morgenrot dir lachte,
Oft sich wieder abgewandt,
Sie nur ist es! Dein Verzagen
Hat sie fort von dir gescheucht,
Willst du es nur männlich wagen,
Wird das Ziel noch einst erreicht,
Alle Ketten sind gesprungen
Und befreit ist dann dein Geist,
Jeder Knechtschaft kühn entschwungen
Fühlst du dich nicht mehr verwaist,
Rückwärts flieht das zage Bangen,
Muse reicht dir dann die Hand,
Und führt sicher dein Verlangen
In der Götter Himmelsland!« - -
Ja, wer darf mit Kunst und Liebe
Von den Sterblichen sich messen?
In dem schönvermählten Triebe
Wird der Himmel selbst besessen!
Diese ungeschickten Zeilen habe ich gestern in einem angenehmen Walde gedichtet;
meine ganze Seele war darauf hinge wandt, und ich bin nicht errötet, sie Dir,
Sebastian, niederzuschreiben: denn warum sollte ich Dir einen Gedanken meiner
Seele verheimlichen? - Lebe wohl. -
 
                                  Zweites Buch
                                  Erstes Kapitel
Franz Sternbald war über Aschaffenburg und dem alten Mainz den schönen Rhein
hinunter nach den Niederlanden gereist. Allentalben hatte er die Denkmale
deutscher und niederländischer Kunst aufgesucht und mit Teilnahme und
Bewunderung betrachtet. Vor allen war er erstaunt über die alten Werke des
Johann van Eyck, der schon vor langer Zeit die Kunst in Öl zu malen erfunden und
verbreitet hatte, dann zogen ihn die gleichzeitigen Meister an, wie die Werke
des Lukas von Leiden, Engelbrecht und Johann von Mabuse. Er fühlte in allen die
Verwandtschaft zu Dürers Kunstweise, obgleich sich ihm viele Betrachtungen über
die Art aufdrängten, wie jeder Künstler den Gegenstand, den menschlichen Körper
oder die Natur betrachtete.
    Es war gegen Mittag, als er auf dem freien Felde unter einem mächtigen Baume
saß, und die große Stadt Leiden betrachtete die vor ihm lag. Er war an diesem
Tage schon sehr früh ausgewandert, um sie noch zeitig zu erreichen; jetzt ruhte
er aus, die Sonne des Späterbstes schien warm, er betrachtete das Bild der
Stadt nachsinnend, die sich mit ihren Türmen vor ihm verbreitete.
    Er hielt seine Schreibtafel in der Hand, und neben ihm im Grase lag die
fremde gefundene. Er hatte den Umriss eines Kopfes entworfen, den er eben wieder
ausstrich, weil er keine Ähnlichkeit hervorbringen konnte; es sollte das Gesicht
der Fremden vorstellen, welche wachend und träumend seine Phantasie
beschäftigte. Er rief sich jeden Umstand, jedes Wort, das sie gesprochen hatte,
in die Gedanken zurück, er sah alle die lieblichen Mienen, den süsslächelnden
Mund, die unaussprechliche Anmut jeder Bewegung, alles zog wieder durch sein
Gedächtnis, und er fühlte sich darüber so entfremdet, so entfernt von ihr, so
auf ewig geschieden
