 er mit seinen Mitteln für vernünftige Menschen zu leisten
imstande ist. Er wird seine Historie wählen, er wird den Gegenstand überdenken,
um sich keine Unwahrscheinlichkeiten zuschulden kommen zu lassen, um nicht durch
Einwürfe des kalten, richtenden Verstandes seinen Zauber der Komposition wieder
zu zerstören. Den Gegenstand gut zu wählen ist aber nicht genug, auch den
Augenblick seiner Handlung muss er fleißig überdenken, damit er den größten,
interessantesten heraushebe, und nicht am Ende male, was sich nicht darstellen
lässt. Dazu muss er die Menschen kennen, er muss sein Gemüt und fremde Gesinnungen
beobachtet haben, um den Eindruck hervorzubringen, dann wird er mit gereinigtem
Geschmacke das Bizarre vermeiden, er wird nur täuschen und hinreißen, rühren
aber nicht erstaunen wollen. Nach meinem wohlüberdachten Urteil hat noch keiner
unsrer Maler alle diese Forderungen erfüllt, und wie könnte es irgendeiner, da
sich noch keiner der erstgenannten Studien beflissen hat? Diese müssen erst in
einem hohen Grade ausgebildet sein, ehe die Künstler nur diese Forderungen
anerkennen werden.
    Um namentlich von Buonarotti zu sprechen, so glaube ich, dass er durch sein
Beispiel die Kunst um viele wichtige Schritte wieder zurückgebracht hat, statt
ihr weiterzuhelfen, denn er hat gegen alle Erfordernisse eines guten Kunstwerks
gesündigt. Was will die richtige Zeichnung seiner einzelnen Figuren, seine
Gelehrsamkeit im Bau des menschlichen Körpers, wenn seine Gemälde selbst so gar
nichts sind? Was soll ich aber genießen und fühlen, wenn die Ausführung auch gar
keinen Tadel verdiente?«
    »Nichts!« rief Kamillo aus, indem er mit dem höchsten Unwillen hervortrat.
»Glaubt Ihr, dass der große, der übergrosse Buonarotti daran gedacht hat, Euch zu
entzücken, als er seine mächtigen Werke entwarf? Oh, ihr Kurzsichtigen, die ihr
das Meer in Bechern erschöpfen wollt, die ihr dem Strome der Herrlichkeit seine
Ufer macht, welcher unselige Geist ist über euch gekommen, dass ihr also verwegen
sein dürft? Ihr glaubt die Kunst zu ergründen, und ergründet nur eure
Engherzigkeit, nach dieser soll sich der Geist Gottes richten, der jene erhabene
Ebenbilder des Schöpfers beseelt. Ihr lästert die Kunst, wenn ihr sie erhebt,
sie ist nur ein Spiel eurer nichtigen Eitelkeit. Wie der Allmächtige den Sünder
duldet, so erlaubt auch Angelos Größe, seine unsterblichen Werke, seine
Riesengestalten dulden es, dass ihr so von ihnen sprechen dürft, und beides ist
wunderbar.«
    Er verließ im Zorne den Saal, und alle erhuben ein lautes Lachen. »Was er
nicht versteht«, sagte Sternbalds Nachbar, »hält er für Unsinn.« Sternbald aber
war von den Worten und den Gebärden des Greises tief ergriffen, dieser
entusiastische Unwille hatte ihn mit angefasst, er verließ schnell die
Gesellschaft, ohne sich zu entschuldigen,
