 Darum
will ich lieber schweigen, liebster Freund, weil überdies wohl bei Dir die
trüben Tage vorübergegangen sein mögen.
    In jedem Falle, lieber Bruder, verliere nicht den Mut zum Leben, bedenke,
dass die traurigen Tage ebenso gewiss als die fröhlichen vorübergehen, dass auf
dieser veränderlichen Welt nichts eine dauernde Stelle hat. Das sollte uns im
Unglück trösten und unsre übermütige Fröhlichkeit dämpfen.
    Wenn ich Dich doch, mein Liebster, auf meiner Reise bei mir hätte! Wie ich
da alles mehr und inniger genießen würde! Wenn ich Dir nur alles sagen könnte,
was ich lerne und erfahre, und wie viel Neues ich sehe und schon gesehen habe!
Es überschüttet und überwältigt mich oft so, dass ich mich ängstige, wie ich
alles im Gedächtnis, in meinen Sinnen aufbewahren will. Die Welt und die Kunst
ist viel reicher, als ich vorher glauben konnte. Fahre nur eifrig fort zu malen,
Sebastian, damit Dein Name auch einmal unter den würdigen Künstlern genannt
werde, Dir gelingt es gewiss eher und besser als mir. Mein Geist ist zu unstet,
zu wankelmütig, zu schnell von jeder Neuheit ergriffen; ich möchte gern alles
leisten, und darüber werde ich am Ende gar nichts tun können.
    So ist mein Gemüt aufs heftigste von zwei neuen großen Meistern bewegt, vom
venezianischen Tizian und von dem allerlieblichsten Antonio Allegri von
Korreggio. Ich habe, möcht ich sagen, alle übrige Kunst vergessen, indem diese
edlen Künstler mein Gemüt erfüllen, doch hat der letztere auch beinahe den
ersteren verdrängt. Ich weiß mir in meinen Gedanken nichts Holdseligers
vorzustellen, als er uns vor die Augen bringt, die Welt hat keine so liebliche,
so vollreizende Gestalten, als er zu malen versteht. Es ist, als hätte der Gott
der Liebe selber in seiner Behausung gearbeitet und ihm die Hand geführt.
Wenigstens sollte sich nach ihm keiner unterfangen, Liebe und Wollust
darzustellen, denn keinem andern Geiste hat sich so das Glorreiche der
Sinnenwelt offenbart.
    Es ist etwas Köstliches, Unbezahlbares, Göttliches, dass ein Maler, was er in
der Natur nur Reizendes findet, was seine Imagination nur veredeln und vollenden
kann, uns nicht in Gleichnissen, in Tönen, in Erinnerungen oder Nachahmungen
aufbewahrt, sondern es auf die kräftigste und fertigste Weise selber hinstellt
und gibt. Darum ist auch in dieser Hinsicht die Malerei die erste und
vollendeteste Kunst, das Geheimnis der Farben ist anbetungswürdig. Der Reiche,
der Korreggios Gemälde, seine Leda, seine badenden schönsten Nymphen besitzt,
hat sie wirklich, sie blühen in seinem Palaste in ewiger Jugend, der
allerhöchste Reiz ist bei ihm einheimisch, wonach andre mit glühender Phantasie
suchen, was Stumpfere mit ihren Sinnen sich nicht vorstellen können, lebt und
webt bei ihm wirklich
