 »denn es ist mir ein Verdruss zu
hören. Jedweder, der sich für klug hält, nimmt in unsern Tagen die Partei dieses
Mannes, der es gewiss gut und redlich meint, der aber doch immer mit seinen Ideen
nicht recht weiß, wo er hinaus will.«
    »Ihr erstaunt mich!« sagte Franz.
    »Ihr seid ein Deutscher«, fuhr Ludovico fort, »ein Nürnberger, es nimmt mich
nicht wunder, wenn Ihr Euch der guten Sache annehmt, wie sie Euch wohl
erscheinen muss. Ich glaube auch, dass Luther einen wahrhaft großen Geist hat,
aber ich bin ihm darum doch nicht gewogen. Es ist schlimm, dass die Menschen
nichts einreissen können, nicht die Wand eines Hofs, ohne gleich darauf Lust zu
kriegen, ein neues Gebäude aufzuführen. Wir haben eingesehn, dass Irren möglich
sei, nun irren wir lieber noch jenseits, als in der geraden lieblichen Straße zu
bleiben. Ich sehe schon im voraus die Zeit kommen, die die gegenwärtige Zeit
fast notwendig hervorbringen muss, wo ein Mann sich schon für ein Wunder seines
Jahrhunderts hält, wenn er eigentlich nichts ist. Ihr fangt an zu untersuchen,
wo nichts zu untersuchen ist, ihr tastet die Göttlichkeit unsrer Religion an,
die wie ein wunderbares Gedicht vor uns daliegt, und nun einmal keinem andern
verständlich ist, als der sie versteht: hier wollt ihr ergrübeln und widerlegen,
und könnt mit allem Trachten nicht weiter vorwärts dringen, als es dem Blödsinne
auch gelingen würde, da im Gegenteil die höhere Vernunft sich in der
Untersuchung wie in Netzen würde gefangen fühlen, und lieber die edle Poesie
glauben, als sie den Unmündigen erklären wollen.«
    »Oh, Martin Luther!« seufzte Franz, »Ihr habt da ein kühnes Wort über ihn
gesprochen.«
    Ludovico sagte: »Es geht eigentlich nicht ihn an, auch will ich die
Missbräuche des Zeitalters nicht in Schutz nehmen, gegen die er vornehmlich
eifert, aber mich dünkt doch, dass diese ihn zu weit führen, dass er nun zu
ängstlich strebt, das Gemeine zu sondern, und darüber das Edelste mit ergreift.
Wie es den Menschen geht, seine Nachfolger mögen leicht ihn selber nicht
verstehen, und so erzeugt sich statt der Fülle einer göttlichen Religion eine
dürre vernünftige Leerheit, die alle Herzen schmachtend zurücklässt, der ewige
Strom voll großer Bilder und kolossaler Lichtgestalten trocknet aus, die dürre
gleichgültige Welt bleibt zurück und einzeln, zerstückt, und mit ohnmächtigen
Kämpfen muss das wiedererobert werden, was verloren ist, das Reich der Geister
ist entflohn, und nur einzelne Engel kehren zurück.«
    »Du bist ein Prophet geworden«, sagte Roderigo, »seht, meine Freunde, er hat
die ägyptische Weisheit heimgebracht.
