 und dasselbe auf ihren Wegen
ausrichten können. Freilich ist es nicht nötig, dass immer nur Handlung,
Begebenheit mein Gemüt entzücke, ja es scheint mir sogar schwer zu bestimmen, ob
in diesem Gebiete unsre Kunst ihre schönsten Lorbeern antreffe: allein erinnere
dich nur selbst der schönen, stillen, heiligen Familien, die wir angetroffen
haben; liegt nicht in einigen unendlich viele Musik, wie du es nennen willst.
Ist in ihnen die Religion, das Heil der Welt, die Anbetung des Höchsten nicht
wie in einem Kindergespräche offenbart und ausgedrückt? Ich habe bei den Figuren
nicht bloß an die Figuren gedacht, die Gruppierung war mir nur Nebensache, ja
auch der Ausdruck der Mienen, insofern ich ihn auf die gegenwärtige Geschichte,
auf den wirklichen Zusammenhang bezog. Der Maler hat hier Gelegenheit, die
Einbildung in sich selbst zu erregen, ohne sie durch Geschichte, durch Beziehung
vorzubereiten.«
    »Am meisten ist mir das, was ich so oft von der Malerei wünsche, bei
allegorischen Gemälden einleuchtend«, sagte Rudolph.
    »Gut, dass du mich daran erinnerst!« rief Franz aus, »hier ist recht der Ort,
wo der Maler seine große Imagination, seinen Sinn für die Magie der Kunst
offenbaren kann: hier kann er gleichsam über die Grenzen seiner Kunst
hinausschreiten, und mit dem Dichter wetteifern. Die Begebenheit, die Figuren
sind ihm nur Nebensache, und doch machen sie das Bild, es ist Ruhe und
Lebendigkeit, Fülle und Leere, und die Kühnheit der Gedanken, der
Zusammensetzung findet erst hier ihren rechten Platz. Ich habe es ungern gehört,
dass man diesen Gedichten so oft den Mangel an Zierlichkeit vorrückt, dass man
hier tätige Bewegung und schnellen Reiz einer Handlung fordert, wenn sie statt
eines einzelnen Menschen die Menschheit ausdrücken, statt eines Vorfalls eine
erhabene Ruhe. Gerade diese anscheinende Kälte, die Unbiegsamkeit im Stoffe ist
das, was mir so oft einen wehmütigen Schauder bei der Betrachtung erregte: dass
hier allgemeine Begriffe in sinnlichen Gestalten mit so ernster Bedeutung
aufgestellt sind, Kind und Greis in ihren Empfindungen vereinigt, dass das Ganze
unzusammenhängend erscheint, wie das menschliche Leben, und doch eins um des
andern notwendig ist, wie man auch im Leben nichts aus seiner Verkettung reißen
darf, alles dies ist mir immer ungemein erhaben erschienen.«
    »Ich erinnere mich«, antwortete Rudolph, »eines alten Bildes in Pisa, das
dir auch vielleicht gefallen wird; wenn ich nicht irre, ist es von Andrea
Orgagna gemalt. Dieser Künstler hat den Dante mit besondrer Vorliebe studiert,
und in seiner Kunst auch etwas Ähnliches dichten wollen. Auf seinem großen Bilde
ist in der Tat das ganze menschliche Leben auf eine recht wehmütige Art
abgebildet. Ein Feld prangt mit schönen
