 Reden; wozu wäre es auch, da wir so bald abreisen müssen?«
    Florestan lachte, und gab ihm gar keine Antwort. - »Nun, wie haben dir die
neulichen Lieder gefallen?« sagte er, »und die Lichter, der Wald? Nicht wahr, es
war der Mühe wert, fröhlich zu sein?«
    »Du marterst mich nur«, sagte Sternbald, als Rudolph geendigt hatte, »sprich
wie du willst, ich werde niemals deiner Meinung sein. Man kann sich in einem
leichtsinnigen Augenblicke vergessen, aber wenn man freiwillig den Sinnen den
Sieg über sich selbst einräumt, so erniedrigt man sich dadurch unter sich
selbst.«
    »Du willst ein Maler sein, und sprichst so?« rief Rudolph aus, »oh, lass ja
die Kunst fahren, wenn dir deine Sinnen nicht lieber sind, denn durch diese
allein vermagst du die Rührungen hervorzubringen. Was wollt ihr mit allen euren
Farben darstellen und ausrichten, als die Sinnen auf die schönste Weise
ergötzen? Durch nichts kann der Künstler unsre Phantasie so gefangennehmen, als
durch den Reiz der vollendeten Schönheit, das ist es, was wir in allen Formen
entdecken wollen, wonach unser gieriges Auge allenthalben sucht. Wenn wir sie
finden, so sind es auch nicht die Sinne allein, die in Bewegung sind, sondern
alle unsre Entzückungen erschüttern uns auf einmal auf die lieblichste Weise.
Der freie unverhüllte Körper ist der höchste Triumph der Kunst, denn was sollen
mir jene beschleierten Gestalten? Warum treten sie nicht aus ihren Gewändern
heraus, die sie ängstigen und sind sie selbst? Gewand ist höchstens nur Zugabe,
Nebenschönheit. Das griechische Altertum verkündigt sich in seinen nackten
Figuren am göttlichsten und menschlichsten. Die Dezenz unsers gemeinen
prosaischen Lebens ist in der Kunst unerlaubt, dort in den heitern, reinen
Regionen ist sie ungeziemlich, sie ist unter uns selbst das Dokument unsrer
Gemeinheit und Unsittlichkeit. Der Künstler darf seine Bekanntschaft mit ihr
nicht verraten, oder er gibt zu erkennen, dass ihm die Kunst nicht das Liebste
und Beste ist, er gesteht, dass er sich nicht ganz aussprechen darf, und doch ist
sein verschlossenes Innerstes gerade das, was wir von ihm begehren.«
    In einigen Tagen war ihre Abreise beschlossen; die Gräfin hatte den
versprochenen Brief an die italienische Familie geschrieben, den Sternbald mit
großer Gleichgültigkeit in seine Brieftasche legte; er zeigte ihn auch seinem
Freunde nicht, sondern war sogar ungewiss, ob er ihn abgeben solle.
    Als sie das Schloss verlassen hatten, als beide Freunde sich auf der weiten
Heerstraße befanden, war Rudolph nachdenklich, weniger fröhlich und
leichtsinnig, als man ihn sonst sah, er schien Erinnerungen zu bekämpfen, die
ihn beinahe schwermütig machten.
    »Kein Mensch«,
