 zu zürnen glaubte, dass alle jene Mängel, die ich
zu kennen wähnte und in stolzer Sicherheit schalt, sich plötzlich gegen mich
selbst umwandten, und mir so holde Engelsangesichter zeigten, dass ich verehrend,
geblendet niederfiel, und freudig meinem Verderben entgegeneilte.
    Jetzt wurde ich ihr Vertrauter und tröstender Freund. Entfliehe der Mann
doch diesen Klagen und Tränen eines schönen Weibes, diese Flut der geschmolzenen
Perlen nimmt ihn unwiderstehlich mit, er tritt in die Vorhalle zum Herzen seiner
Freundin und will bald selbst der Gegenstand ihrer Trauer und Tränen werden. Sie
mochte sich nicht an dem gewöhnlichen Trost, an Musik, an Zerstreuung begnügen,
ihr Leben selbst wollte sie zu einem Gedichte erhöhen, und ich war derjenige,
der ihr zum Dichter und Maler ihrer Szenen dienen musste. Sie liest die
herrlichen Liebesgedichte unsrer Vorfahren, sie kennt sie alle und ich trug sie
ihr von neuem vor, und jeder rührende Vers, jede Schilderung, in der sie
Beziehung entdeckte, ward wiederholt, hergesagt, auswendig gelernt und gesungen.
Aber sie befriedigt sich damit nicht, ich muss ihr eigne neue Lieder dichten, die
wir abwechselnd singen, wie Ihr denn neulich eins dergleichen bei Eurer Ankunft
gehört habt, diese müssen einfach in wenigen Akzenten das Gefühl gleichsam mehr
anklingen, als aussprechen. So schweifen wir durch die Wälder, jagen, singen,
und erfreuen uns der Natur und der Einsamkeit, die Waldhörner müssen den Schmerz
mit ihren Tönen verherrlichen, sie selbst ist schön geschmückt in vielen
abwechselnden Trachten, bald als Frau, bald als Jäger und Jüngling, als Amazone
oder als Fürstin. Zuweilen fällt es ihr ein, als Isalde, Sigune oder Enite
aufzutreten, von denen sie in ihren Büchern liest, in phantastischer Kleidung
schweift sie dann mit ihrer Gesellschaft durch die Täler und Haine, und mir
Unglücklichen fällt es dann anheim, den sehnlich erwarteten Tristan oder Iwein
darzustellen, sie täuscht sich dann selbst mit ihrer Zärtlichkeit und ist
glücklich, aber mir Armen, ihr so nahe, vor ihr knieend, ihre Hände und Arme
fassend, in ihren schönen Locken tändelnd, leuchtet dann ein Paradies entgegen,
und blitzend davor der Engel mit dem Feuerschwerte.
    Nicht ist die Gefahr für die schuldlose Jungfrau so groß, wenn sie auf
solche Weise mit dem Feuer scherzt, das die Welt durchglüht und erhellt, denn
nur Wohlwollen, Vertrauen, Freundschaft, höchstens Zärtlichkeit erregen sich in
ihrem Gemüte, und nur diese verlangt sie von dem Manne, mit dem sie den Tanz
zwischen den bloßen Schwertern übt. Aber wehe dem Manne! Erst entzündet sich ein
süßes Wohlgefallen, eine klare Heiterkeit in seiner Seele, er schwebt leicht
durch die glänzenden Stunden, wie der Schmetterling durch den Frühlingsschein,
dann fasst ihn der stärkere Strom, und im
