 auf Dich
niederkömmt. Nenne mich nicht zu weich und vielleicht phantastisch, wenn ich Dir
dieses rate, ich weiß, dass Du in manchen Sachen anders denkst, und vernünftiger
und eben darum auch härter bist.
    Ein Nachbar besuchte uns noch nach dem Abendessen und erzählte in seiner
einfältigen Art einige Legenden von Märtyrern. Der Künstler sollte nach meinem
Urteil bei Bauern oder Kindern manchmal in die Schule gehen, um sich von seiner
kalten Gelehrsamkeit oder zu großen Künstlichkeit zu erholen, damit sein Herz
sich wieder einmal der Einfalt auftäte, die doch nur einzig und allein die wahre
Kunst ist. Ich wenigstens habe aus diesen Erzählungen vieles gelernt; die
Gegenstände, die der Maler daraus darstellen müsste, sind mir in einem ganz neuen
Lichte erschienen. Ich weiß Kunstgemälde, wo der rührendste Gegenstand von
unnützen schönen Figuren, von Gemäldegelehrsamkeit und trefflich ausgedachten
Stellungen so eingebaut war, dass das Auge lernte, das Herz aber nichts dabei
empfand, als worauf es doch vorzüglich abgesehn sein müsste. So aber wollen
einige Meister größer werden als die Größe, sie wollen ihren Gegenstand nicht
darstellen, sondern verschönern, und darüber verlieren sie sich in Nebendingen.
Ich denke jetzt an alles das, was uns der vielgeliebte Albrecht so oft vorgesagt
hat, und fühle wie er immer recht und wahr spricht. - Grüße ihn; ich muss hier
aufhören, weil ich müde bin. Morgen komme ich nach einer Stadt, da will ich den
Brief schließen und abschicken. - -
    - Ich bin angekommen und habe Dir, Sebastian, nur noch wenige Worte zu sagen
und auch diese dürften vielleicht überflüssig sein. Wenn nur das ewige Auf- und
Abtreiben meiner Gedanken nicht wäre! Wenn die Ruhe doch, die mich manchmal wie
im Vorbeifliegen küsst, bei mir einheimisch würde, dann könnt ich von Glück
sagen, und es würde vielleicht mit der Zeit ein Künstler aus mir, den die Welt
zu den angesehenen zählte, dessen Namen sie mit Achtung und Liebe spräche. Aber
ich sehe es ein, noch mehr fühl ich es, das wird mir ewig nicht gegönnt sein.
Ich kann nicht dafür, ich kann mich nicht im Zaume halten, und alle meine
Entwürfe, Hoffnungen, mein Zutrauen zu mir geht vor neuen Empfindungen unter,
und es wird leer und wüst in meiner Seele, wie in einer rauen Landschaft, wo
die Brücken von einem wilden Waldstrome zusammengerissen sind. Ich hatte auf dem
Wege so vielen Mut, ich konnte mich ordentlich gegen die großen herrlichen
Gestalten nicht schützen und mich ihrer nicht erwehren, die in meiner Phantasie
aufstiegen, sie überschütteten mich mit ihrem Glanze, überdrängten mich mit
ihrer Kraft und eroberten und beherrschten so sehr meinen Geist, dass ich mich
freute und mir ein recht langes Leben wünschte,
