 ein reiches und vielseitiges Leben, ein vertrauter und wohltuender
Umgang mit uns selbst, und wir entfliehen jener abgeschlossenen Geistesarmut,
die anfangs alles eigensinnig und spröde von sich weiset, und endlich durch
nichts mehr gerührt und entzückt wird, denn der Mensch soll nicht sagen: Dieses
will und werde ich niemals denken und fühlen! aber er soll auch die Entzückungen
seines Herzens nicht vergeuden, bloß um die Zeit auszufüllen, sonst verarmt er
ebenfalls, und vielleicht noch schneller, auf diesem Wege. Darum hat mir auch
der Schluss deines heutigen Trinkliedes nicht gefallen wollen; vielleicht ist mir
überhaupt der Scherz und Leichtsinn unverständlich, der nicht zugleich Tiefsinn
und Ernst sein könnte.«
    »Nun so suche den Schlüssel zu bekommen«, rief Rudolph, »der dir auch diese
Geisteskammer noch einmal eröffnet. Wie bist du denn heute so gar schwerfällig
geworden, dass du es mit einer augenblicklichen Begeisterung so ernst und strenge
nimmst? Lass doch der unschuldigen Poesie ihren Gang, wenn der klare Bach sich
einmal ergießt. Liebster, sollen wir denn nicht auch unsre Gedanken, Fühlungen,
Wünsche, Tränen und Lachen zuzeiten in die spielende Natur der Töne auflösen
dürfen? Ich kann der Flöte, jedem Klange, der Nachtigall, dem Wasserfall, dem
Baumgeräusch so innig zuhören, dass mein Seele ganz Ton wird. Man könnte sich,
wenn man sonst Lust hätte, ein ganzes Gesprächstück von mancherlei Tönen
aussinnen.«
    »Es kann sein«, antwortete Franz, »von Blumen kann ich es mir gewissermaßen
vorstellen. Es ist freilich immer nur ein Charakter in allen diesen Dingen, wie
wir ihn als Menschen wahrzunehmen vermögen.«
    »So geschieht alle Kunst«, antwortete Florestan; »die Tiere können wir schon
richtiger fühlen, weil sie uns etwas näher stehen. Ich hatte einmal Lust, aus
Lämmern, einigen Vögeln und andern Tieren eine Komödie zu formieren, aus Blumen
ein Liebesstück, und aus den Tönen der Instrumente ein Trauer-, oder, wie ich es
lieber nennen möchte, ein Geisterspiel.«
    »Die meisten Leute würden es zu phantastisch finden«, sagte Sternbald.
    »Das würde gerade meine Absicht sein«, antwortete Rudolph, »wenn ich mir
Mühe geben wollte, es niederzuschreiben. Sieh, es ist indes schon Abend
geworden. Kennst du Dantes großes Gedicht?«
    »Nein«, sagte Franz.
    »Auf eine ähnliche ganz allegorische Weise ließe sich vielleicht eine
Offenbarung über die Natur schreiben, wenn es dem Dichter verliehen wäre, so wie
der große Florentiner von Begeisterung und prophetischem Geiste durchdrungen zu
sein. Aber lass das; versuchen wir einmal einen Wechselgesang, ob er uns heut so
ohne Vorbereitung gelingt, da wir neulich unterbrochen wurden.«
    »Wir können es wenigstens wagen
