 deutschen Sinne ungetreu werden können.«
    »Kommt nur nach Italien«, sagte Bolz, »und Ihr werdet anders sprechen.«
    »Nein, Augustin«, fiel ihm der Mönch ein. »So reich die Kunstwelt dort sein
mag, so wird doch dieser junge Mann, nachdem er sie kennengelernt hat,
schwerlich anders sprechen. Ihr gefallt Euch in Euren Übertreibungen, in Eurer
erzwungenen Einseitigkeit, und glaubt, dass es keinen Enthusiasmus ohne
Verfolgungsgeist geben könne. Sternbald wird gewiss auch in Rom und Florenz
seinem Dürer getreu bleiben, und er wird gewiss Angelos Erhabenheit und Raffaels
Größe und Schöne mit gleicher Liebe umfassen können.«
    »Und das soll er, das muss er!« rief Rudolph hier mit einem Ungestüm aus, den
man sonst nicht an ihm bemerkte. »Ihr mein ungestümer Herr Polz oder Stolz, oder
wie Ihr Euch nennt, habt wenig Ehre davon, dass Ihr solche Gesinnungen und
Redensarten aus dem lieblichen Italien mit Euch bringt; nach Norden, nach den
Eisländern hättet Ihr reisen müssen. Ihr sprecht von deutscher Barbarei, und
fühlt nicht, dass Ihr selber der größte Barbar seid. Was habt Ihr in Italien
gemacht, oder wo hat Euch das Herz gesessen, als Ihr im Vatikanischen Palaste
vor Raffaels Unsterblichkeit standet?«
    Alle mussten über den Ungestüm des Jünglings lachen, und er selbst lachte von
Herzen mit, obgleich ihm eine Träne im Auge stand. »Ich bin ein Römer«, sagte er
dann, »und ich gestehe, dass ich Rom unaussprechlich liebe; Raffael ist es
besonders, der Rom ausgeschmückt hat, und seine hauptsächlichsten Gemälde
befinden sich dort. Sagt nun, was Ihr wollt, ich werde Euch gewiss nicht noch
einmal so heftig widersprechen.«
    »So ist denn dieser Raffael gestorben?« fing Franz von neuem an; »wie alt
ist er denn geworden?«
    »Gerade neununddreissig Jahre«, sagte der Mönch. »Am Karfreitage, an diesem
heiligen Tage ist er geboren, und in diesen merkwürdigen Tag ist auch wieder die
Geburtsstunde seines neuen Lebens im Tode gefallen. Er war und blieb sein
lebelang ein Jüngling, und aus allen seinen Werken spricht ein milder, kindlich
hoher Geist. Sein letztes großes Gemälde war Christi Verklärung, worin er seine
eigene Vergötterung gemalt hat, denn vielleicht ist dieses Werk das Höchste und
Vollkommenste, das seine Hand nur hervorbringen konnte. Oben schwebt der Erlöser
in himmlischer Glorie, neben ihm Elias und Moses, vom Boden erhoben, er in
verklärter Gestalt, vom Glanz sind seine Lieblinge geblendet zu Boden gesunken,
und unten am Berge sieht man die Apostel, in ihnen den Glauben und die Kraft,
welche die Erde noch verwandeln und erleuchten sollen, aber noch ist um sie
