 das Wort: »Nein«, sagte er, »leider hat diese schönste Zier
der edlen Malerkunst die Erde verlassen; er ist im vorigen Jahre gestorben. Mit
ihm ist die höchste Blüte der Kunst in Italien gewelkt.«
    »Wie Ihr da sprecht!« rief der Bildhauer Bolz, »und was wäre dann der
unsterbliche Michel Angelo, der die höchste Höhe der Kunst erreichte, die
Raffael niemals gekannt hat? Der uns gezeigt hat, was Erhabenheit sei? Dieser
lebt noch, mein junger Freund, und er steht als Sieger am Ziel der Skulptur,
Malerei und Baukunst, als ein hoher Genius, der jedem Schüler sein Streben
andeutet und erleichtert.«
    »So ist mir dieser Wunsch meines Herzens versagt?« klagte Franz, »den Mann
zu sehen, der ein Freund meines Dürer war, den Dürer so bewunderte, und zu dem
seit Jahren ein unnennbares Sehnen mich hinzog?«
    »Nun freilich«, rief Bolz aus, »der altfränkische gutherzige Dürer hat ihn
auch wohl bewundern dürfen, und für ihn steht freilich Raffael auf einer Höhe,
zu der er mit Schwindeln hinaufblicken muss. Er ist aber auch nicht imstande,
etwas von Angelos Größe zu verstehen, wenn er ein Werk von diesem erblicken
sollte. Dagegen müssen ihm die kleinen Bilder, die mühsam und künstlich
ausgeführten Spielwerke Raffaels höchst willkommen, und im ganzen verständlich
sein.«
    »Erlaubt«, sagte Florestan, »ich bin kein Kenner der Kunst; aber doch habe
ich von Tausenden gehört, dass Raffael das Kleinod dieser Erde zu nennen sei, und
wahrlich! wenn ich meinen Augen und meinem Gefühle trauen darf, so leuchtet eine
erhabene Göttlichkeit aus seinen Werken.«
    »Und wie Ihr von Dürer sprecht!« sagte Franz, »dieser weiß wohl das Eigne
und Große an fremden Werken zu schätzen; wie könnte er sonst selber ein so
großer Künstler sein? Ihr liebt Euer deutsches Vaterland wenig, wenn Ihr von
seinem ersten Künstler geringe denkt.«
    »Erzürnt Euch nicht«, sagte der Mönch, »denn es ist seine raue, wilde Art,
dass er alles übertreibt. Ihm dünkt nur das Riesenhafte und Ungeheure schön, und
der Sinn für alles übrige scheint ihm versagt.«
    »Nun, was ist es denn auch mit Deutschland und mit unsrer einheimischen
Kunst?« rief Bolz ergrimmt aus. »Wie armselig und handwerksmässig wird sie
ausgeübt und geschätzt! Noch kein wahrer Künstlergeist hat diesen unfruchtbaren
deutschen Boden, diesen trüben Himmel besucht. Was soll auch die Kunst hier?
Unter diesen kalten gefühllosen Menschen, die sie in dürftiger Häuslichkeit kaum
als Zierat achten? Darum strebt auch keiner von den sogenannten Künstlern das
Höchste und Vollkommenste zu erreichen, sondern sie begnügen sich
