 die höchsten Lieder sänge, die der Geist des
Menschen bisher noch ausgeströmt hat. Ich fühle es jedesmal, wie Musik die Seele
erhebt, und die jauchzenden Klänge wie Engel mit himmlischer Unschuld alle
irdischen Begierden und Wünsche fern abhalten. Wenn man ein Fegefeuer glauben
will, wo die Seele durch Schmerzen geläutert und gereinigt wird, so ist im
Gegenteil die Musik ein Vorhimmel, wo diese Läuterung durch wehmütige Wonne
geschieht.«
    »Das ist«, sagte Rudolph, »wie du die Musik empfindest; aber gewiss werden
wenige Menschen mir dir darin übereinstimmen.«
    »Davon kann ich mich nicht überzeugen«, rief Franz aus. »Nein, Rudolph, sieh
alle lebendige Wesen, wie die Töne der Harfe, der Flöte, und jedes
angeschlagenen Instrumentes sie ernst machen: selbst die Gesänge, die den Fuß
mit lebendiger Kraft zum Tanz ermuntern, gießen eine schmachtende Sehnsucht,
eine unbekannte Wehmut in das Gemüt. Der Jüngling und das Mädchen mischen sich
dann in den Reigen, aber sie suchen mit den Gedanken jenseit dem Tanze einen
andern, geistigern Genuss.«
    »Oh, über die Einbildungen!« sagte Rudolph lachend; »eine augenblickliche
Stimmung in dir trägst du in die übrigen Menschen hinüber. Wer denkt beim Tanze
etwas anders, als dass er den Reigen durchführt, dass er sich im hüpfenden Schwarm
auf eine lebendige Art ergötzt, und in diesen fröhlichen Augenblicken
Vergangenheit und Zukunft durchaus vergisst. Der Tänzer sieht nach dem blühenden
Mädchen, sie nach ihm; ihre Augen begegnen sich glänzend, und wenn sie eine
Sehnsucht empfinden, so ist es gewiss eine ganz andere, als du sie geschildert
hast.«
    »Du bist zu leichtsinnig«, antwortete Franz, »es ist nicht das erstemal, dass
ich es bemerke, wie du dir vorsätzlich das schönere Gefühl ableugnest, um einer
sinnlichen Schwärmerei nachzuhängen.«
    »Nur nicht wieder diese grellen Unterschiede!« rief Rudolph aus; »denn das
ist der ewige Punkt unseres Streites.«
    »Aber ich verstehe dich nicht.«
    »Mag sein!« schloss Florestan, »das Gespräch darüber ist mir jetzt zu
umständlich; wir reden wohl ein andermal davon.«
    Franz war ein wenig auf seinen Freund erzürnt; denn es war nicht das
erstemal, dass sie so miteinander stritten. Florestan betrachtete alle
Gegenstände leichter und sinnlicher, es war oft dieselbe Empfindung, die Franz
nur mit andern Worten ausdrückte; es fügte sich wohl, dass Sternbald nach einiger
Zeit denselben Gedanken äußerte, oft kam auch Rudolph später zu dem Gefühl, dem
er kurz vorher an seinem Freunde widersprochen hatte. Wenn die Menschen
Meinungen wechseln, so entsteht nur gar zu oft ein blindes Spiel des Zufalls
daraus, aus dem Wunsche sich mitzuteilen erwacht die
