 will ich mich denn der Zeit und mir selber überlassen. Mein Freund
Rudolph lacht täglich über meine unschlüssige Ängstlichkeit, die sich auch nach
und nach verliert. Im reinen Sinne spiegeln sich alle Empfindungen, und lassen
nachher eine Spur zurück, und selbst das, was das Gemüt nicht aufbewahrt, nährt
heimlicherweise den Sinn der Kunst und ist nicht verloren. Das tröstet mich und
hemmt die Beklemmungen, die mich sonst nur gar zu oft überwältigten.
    Auf eine magische Weise, (zauberisch oder himmlisch, denn ich weiß nicht,
wie ich es nennen soll) ist meine Phantasie mit dem Engelsbilde angefüllt, von
dem ich Dir schon so oft gesprochen habe. Es ist wunderbar. Die Gestalt, die
Blicke, der Zug des Mundes, alles steht deutlich vor mir, und doch wieder nicht
deutlich, denn es dämmert dann wie eine ungewisse, vorüberschwebende Erscheinung
vor meiner Seele, dass ich es festhalten möchte, und Sinnen und Erinnerung
brünstig ausstrecke, um es wirklich und wahrlich zu gewahren und zu meinem
Eigentum zu machen. So ist es mir oft seitdem ergangen, wenn ich die Schönheit
einer Landschaft so recht innigst empfinden wollte, oder die Größe eines
Gedankens mir festhalten, oder eine wundersame Empfindung oder Blicke in das
Überirdisch-Schöne, oder den Glauben an Gott. Es kommt und geht; bald Dämmerung,
bald Mondschein, nur auf Augenblicke wie helles Tageslicht. Der Geist ist in
Arbeit, im rastlosen Streben, sich aus den Ketten aufzurichten, die ihn im
Körper zu Boden halten.
    Oh, mein Sebastian! wie wohl ist mir, und wie lieblich fühl ich in mir die
Regung der Lebenskraft und die heitre Jugend! Es ist herrlich, was mir die
Rheinufer, die Berge um Bonn, und die wunderbaren Krümmungen des Gewässers
verkündigt haben. Von dem großen Münster in Strassburg, von Köln und seinen
Herrlichkeiten will ich Dir ein andermal reden, ich bin zu voll davon.
    In Strassburg habe ich für einen reichen Mann eine Heilige Familie gemalt. Es
war das erstemal, dass ich meinen Kräften in allen Stunden vertraute, und mich
begeistert, und doch ruhig fühlte. In der Muttergottes habe ich gesucht die
Gestalt hinzuzeichnen, die mein Inneres erleuchtet, die geistige Flamme, bei der
ich mich selber sehe und alles, was in mir ist, und durch die alles vom
lieblichsten Widerscheine verschönt und strahlend lebt. Es war beim Malen
derselbe Kampf zwischen Deutlichkeit und Ungewissheit in mir, und darüber ist es
mir vielleicht nur gelungen. Die Gestalten, die wir wahrhaft anschauen, sind
eben dadurch in uns schon zu irdisch und wirklich, sie tragen zu viele Merkmale
an sich, und vergegenwärtigen sich darum zu körperlich. Geht man aber im
Gegenteil aufs Erfinden aus, so bleiben die
