
Damen zählen. Demnach urteilen Sie, wie sehr ich wünschen musste, die ganze
Reihe folgender Gedanken zu wissen, da er zu seiner Frau einmal sagte: dass er
den Verstand und die Seele für sehr verschiedene Wesen halte, und glaube, dass
der erste nur für das beste der Geschäfte dieses Lebens, wie ein erhöhter
Naturtrieb zu den Künsten des vornehmsten Geschöpfs unter den Tieren bestimmt
sei; auch hätte Gott nirgends dem vorzüglichsten Verstande, sondern nur der
vorzüglichsten Seelengüte eine Belohnung verheißen.
    Ein andermal sagte er: bald möchte ich hohe Tugenden, die schönen Künste der
moralischen Welt nennen, unter welchen in so vielen Jahrtausenden, die
Menschengeschichte alter und neuer Zeiten, nur wenige einzelne Bilder des
Verdienstes, der Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und hülfreichen Großmut
aufzeichnen konnte. So wie die Kunstwelt auch nur Einzelne: einen Apoll, eine
Venus, nur einmal die holde Idee der Grazien aufstellte; das Urbild des Cirkels
als Laufbahn der Sonne, der Gestirne, Welten und Jahrszeiten, nur einmal
Sinnbild des Unendlichen wurde. Es war natürlich, dass Menschen, welche selbst
gut und edel sind, die Modelle der hohen Tugend eines Socrates und Mare Aurels
verehrten und schön fanden; wie das Auge des feinen Geschmacks, der Künste, seit
mehr als tausend Jahren die Meisterstücke der griechischen Bildhauer und
Baumeister bewundert und liebt. Natürlich entstanden in der moralischen Denk-
und der materiellen Kunst-Welt, Millionen Kopien und Versuche der Nachahmung und
des Bestrebens, die schöne Höhe des Verdienstes der Alten zu erreichen; man
lernte ihre Sprachen, um die Modelle ihrer Gedanken zu besitzen. Man maß und
zeichnete ihre Bildsäulen und die edlen Bruchstücke, welche die Zeit und
barbarische Kriege von ihren Gebäuden übrig gelassen haben, - aber dieser Gang
der Ideen schien Emilien nicht der angenehmste zu sein, denn sie unterbrach ihn
mit einer sehr munteren Bemerkung und Frage, indem sie sagte: mich dünkt, mein
Karl hat eine sehr neue Anwendung von der griechischen Bildhauerkunst gemacht.
Sage mein Bester! was sind wir auf unserer Insel? sollten wir unter Kopien oder
Originale gezählt werden?
    Wattines antwortete mit sanftem Ernst: unsere Lage, meine Emilie! ist nicht
ganz Original, weil es schon oft geschah, dass zwei gute Menschen, durch
Schiffbruch, Treulosigkeit ihrer Reisegefährten, oder wie wir durch Unglück
geleitet, auf einem unbekannten und unbewohnten Eilande einsam lebten, und wie
wir, ohne alle fremde Hilfe harren und für sich sorgen mussten, bis das erzürnte
Verhängnis wieder mit ihnen ausgesöhnt, ihre Erlösung veranstaltete: doch ist
gewiss die Ursache unsers Hierseins etwas eigenes, und alles was du, meine
Emilie, getan hast, einzig, dass es auch selbst in der andern Welt als Urbild
einer der schönsten Erscheinungen in der Menschheit aufgestellt
