 zu der
Erforschung des Abgrunds trieb, erregte Sorge und Angst in seinem Busen. Selbst
Ernstens Entschluss, der ihn in dem ersten Augenblick des Vorgangs dahinriss,
erschien ihm nun unter düstrer erhabener Gestalt, und er konnte seine Gedanken
lange von der Zukunft nicht ablenken, die sich ihm hier in weissagendem Gesichte
enthüllt zu haben schien. Die Geschichte und seine Erfahrung hatten ihn gelehrt,
was den Mann in der Welt erwartet, was das Schicksal von dem fordert, der sich
der Göttin weiht, unter deren Schutze sich sein Zögling für so sicher hielt. Er
kannte die Gefahr der Proben, die ihre Verehrer zu bestehen haben, er wusste, dass
man selten mit dem Geist und Herzen aus ihnen hervortritt, mit denen man sie
beginnt. Der rastlose Kampf mit den Menschen, ihren Verfassungen, ihren
wirbelnden Leidenschaften, ihrem Wahne und Eigennutze malte sich in wilder
Gärung vor seinen Augen. Auf dem Schlachtfelde stand endlich der ermüdete
Kämpfer zwischen nagenden Zweifeln, grämlichem Missmut, der kalten Selbstigkeit,
dem bitteren Menschenhass, und statt des Triumphgesangs hört er zischendes
Hohngelächter und die frostigen, erstarrenden, giftigen Sarkasmen der
Vernünftler. Sein Herz rief ihm zu, so könne sein Ernst nicht enden, aber ob er
ihn gleich am Ziele der Laufbahn in sich selbst unbesiegt sah, so fasste er doch
den festen Entschluss, seines Zöglings Begriffe über die Tugend in Rücksicht auf
die Menschen und ihre Verhältnisse so zu berichtigen, dass sie nicht in
schimärische Überspannung ausarteten: eine Stimmung der Seele, in welcher sich
nur die Edelsten der Erde befinden können und die gewiss die glücklichste,
beneidungswürdigste wäre und bliebe, wenn nur diejenigen, zu deren Bestem diese
Stimmung immer wirkt, sie nicht auf Tod und Leben davon zu heilen suchten.
Ernsten dachte er nun dahin zu leiten, dass ihm zwar die Höhe und Reinheit seines
Geistes und Herzens verblieben, seine Begriffe aber sich so berichtigten, dass
ihn die Widersprüche und Missverhältnisse von außen mit seinem Gefühl weder irre
machen, noch zerrütten möchten. Vorzüglich sollte er das, was ihn belebte, in
den Menschen nicht mit der Kraft suchen, noch von ihnen erwarten, wie er es zu
empfinden schien; und zu dieser gefährlichen Erkenntnis wollte er ihn durch
Nachsicht und schonende milde Menschlichkeit führen. Ferdinands eitle Ruhmsucht
hoffte er durch Ernstens milden Geist und seine eignen, absichtslos scheinenden
Lehren zu läutern.
    Nach diesen Betrachtungen nahte er sich den Jünglingen.
    Das Abendrot glühte an dem Horizont, und der Eichenwald glänzte in seinem
goldnen Feuer. Ferdinand stand heftig redend vor Ernsten, und dieser blickte ihn
soeben mit sanfter Begeisterung an und sagte: »Ferdinand, ich habe es gefunden.«
    Hadem trat hinzu: »Was hat Ernst gefunden?«
    FERDINAND: Den Stoff zu einem Heldengedicht
