 dann durch England und Frankreich. Seine
Kenntnisse erweiterten sich, aber sein innrer Sinn blieb derselbige; nur dehnte
er sich mehr aus, nur ward er kräftiger durch die gemachten Beobachtungen. Sein
geheimer Führer hatte ihm einen richtigen Maßstab gegeben, die Erscheinungen der
moralischen Welt zu bestimmen; und darum konnten ihm diese Erscheinungen, so
auffallend und empörend er sie auch hin und wieder finden mochte, die Natur des
Menschen und seine Anlagen, gut und edel zu sein, in kein zweideutiges Licht
setzen. Sein Führer hatte ihm klar gezeigt, dass alles Verzerrte, Verstümmelte,
Missgestaltete und Ungeheure, welches in der Gesellschaft ohne Unterbrechen
hervorschiesst, bis ins Unendliche fortwächst und in allem, was der Mensch tut
und denkt, sichtbar ist, nur in dem Augenblick entstehen konnte, in welchem der
Mensch, dieses so vorzüglich geliebte, so glücklich ausgestattete Lieblingskind
der Natur, seine Mutter verließ. Sie hatte ja ihre heiligen Lehren als die
einzigen Quellen des Glücks seinem Herzen anvertraut und ihm die Grenzen dieses
Glücks so fest und bestimmt angezeigt, dass er nicht übersehen konnte, das Elend
beginne, so bald er sie übertrete. Ernst wusste durch seine Lehrer, wodurch der
Mensch diese Grenzen einriss und übersprang, er wusste, wer ihre Spur so
ausgelöscht hatte, dass die aus ihrer glücklichen Heimat Verirrten wohl noch
zuzeiten ihr verlornes Glück wie einen Jugendtraum vor ihrem Geiste dunkel
schweben sehen, aber es nie wiederfinden können. Man glaube darum nicht, Ernst
habe seinen Lehrer so verstanden, wie ihn mancher verstanden hat und noch
versteht: als müsse man diese selige Heimat in dem wilden Zustande suchen, der
darum dem Menschen nicht allein und vorzüglich eigen und natürlich sein kann,
weil er in demselben seine hohe Würde, die seinen Ursprung allein beweiset, nie
entwickeln könnte. Nachdem er die übrigen Schriften seines Lehrers gelesen
hatte, die alle nur ein Geist durchhaucht und zu einem zusammenhangenden Ganzen
verbindet und wovon jeder Teil zu einer Stufe des Tempels der Wahrheit dient,
sah er klar ein, dass die oft wild und übertrieben scheinenden Gedanken des
begeisterten Künstlers, der dieses erhabene Gebäude aufführte, nur deshalb da
stehen, weil sie das entgegenstehende Gerüst des Wahns, der Torheit, Eitelkeit
und Eigenmacht in seiner elenden Blöße zeigen sollen. Er wusste, dass Plato, als
er die Gebrechen der Staaten seines Zeitalters merkbar machen wollte, dasselbe
tat, indem er das Gesetz, die Gerechtigkeit und die moralische Würde des
Menschen als die einzigen Führer und Leiter seinen Zeitgenossen mit der ganzen
Erhabenheit und Kraft seiner Seele darstellte; er wusste, dass ihn nur die
missverstanden, verhöhnten und hassten, welche ihn entweder nicht fassten oder, als
Verbrecher gegen diese Gesetze und Würde, es nicht ertragen konnten, dass
dieselben in diesem hohen Lichte
