
nun verraten; sein Geist wohnt in meiner Brust, und nie werden Sie oder die
Menschen das austilgen, was er, dem die Tugend selbst den Griffel gab, in mein
Herz geschrieben hat. Doch vergessen Sie ja nicht, Herr Renot, dass Sie nur ihm
den Vertrag verdanken, den ich trotz allem, was ich von Ihnen hören musste,
bereit bin, mit Ihnen abzuschließen. Ich kann wenigstens nicht vergessen, dass
ich ihn durch Sie erst recht habe verstehen lernen.«
    Renot schlug indessen die Bücher um, schob sie kalt beiseite und sagte:
    »Wissen Sie wohl, dass diese Bücher das gefährlichste Gift gegen die Religion
enthalten?«
    ERNST: Vielleicht gegen die Ihrige, gegen die meinige nicht. Wenn Sie sich
die Mühe geben wollen, den dritten Teil aufzuschlagen, so werden Sie da einige
Stellen bezeichnet finden, die mich gegen die Ihrige schützten.
    RENOT: Es ist überflüssig. Folgen Sie diesem Führer in allem, Herr von
Falkenburg? - Ich sehe, Sie verehren ihn ausschließend. Das einzige, was mir zu
wünschen übrigbleibt, ist, dass Sie sein Schicksal nicht treffen möge.
    ERNST: Und welches ist es?
    RENOT: Allen Menschen lächerlich, von allen gehasst und verfolgt zu sein.
    ERNST: Von allen? Ich hoffe, von den Menschen nie schlecht genug zu denken,
um dieses glauben zu können. Und wäre es, so bewiese es ja doch nur, was ich
glaube, was ich von ihm glaube. Der Mann Ihres Systems wird freilich ein
glänzenderes Schicksal haben. Ich wette, er ist reich, geachtet, allgemein
beliebt. Es sei so! Darum behandele ich auch Sie nach seinem System und fordere
weiter nichts von Ihnen, als dass Sie mich nach dem meinigen behandeln möchten.
Weiter habe ich Ihnen nun nichts zu sagen. Zeigt mir mein Vater an, dass Sie
Ihren Abschied verlangen, so verwerfen Sie meinen Antrag, schweigt er, so ist
alles zwischen uns ausgemacht.
    Er ging.
    Renot saß noch lange, in tiefes Nachdenken über diesen sonderbaren Antrag
versenkt. Die Art und Weise, die Festigkeit, die Offenheit, der Geist und Mut,
womit Ernst sich erklärt und ihn so geradezu auf den Punkt der Entscheidung
gestellt hatte, brachten seinen Stolz, seine Eitelkeit und sein sogenanntes
Ehrgefühl in ein peinliches Gedränge. Sein Lieblingsgötze, der point d'honneur,
den der junge Mann so gewaltig und schonungslos geschüttelt hatte, spielte an
seinem Herzen, bis er es empörte; aber die Empörung dauerte nicht sehr lange,
denn sein ausgebildeter Verstand zeigte ihm schnell den ganzen Vorfall von einer
so lächerlichen Seite, dass er in ein helles Lachen würde ausgebrochen sein, wenn
er nicht befürchtet hätte, Ernst möchte sich in
