 in das Land der
Prüfung herabgestiegen. An dem Tage, Ferdinand, an welchem ich ihn wieder
berührte, gehörte ich den Toten zu!
    FERDINAND: Du wirst immer bleiben, wie du bist, so gut und edel. Aber warum
wählst du diesen Winkel? Sieh, ich trete dir gerne die größte Säule in meinem
Tempel des Ruhms ab. Sprich ein Wort, und ich stoße Cäsarn herunter - hänge den
Kranz an das Felsenhaupt seiner Gedächtnissäule - sie scheint ewig und fest wie
die Tugend, scheint selbst der Erderschütterung zu trotzen.
    ERNST: Ich danke dir, Ferdinand - ich wähle diesen Winkel. Die Tugend ist
sehr bescheiden, und ich fürchte beinahe, man verstattet ihr in der Welt keine
ansehnlichere Stelle. Wenigstens glaube ich nicht, dass man sie in der Höhe
suchen muss. Und da dieses nur ein Denkmal zwischen mir und ihr ist, so soll es
so sein. Wenn ich daran vorübergehe oder davor sitze, so werden sich meine
Ansprüche danach bilden, und die Lehren, die es mir dann zuflistern wird, die
Gedanken, die mir von ihm kommen, werden von der Art sein, wie ich ihrer bedarf:
groß im Innern, stark in sich selbst, still, ruhig, bescheiden im Äußeren.
Ferdinand, der Ruhm bedarf prächtiger Denkmäler; denn nur zu oft soll die Pracht
uns die Wahrheit verhüllen. Dieses hier ist ein stiller Bund des Herzens.
    Als er nun ein zugespjetztes Holz zwischen die Spalte des Felsens in der
Blende getrieben und den Kranz daran gehängt hatte, sagte er feierlich zu
Ferdinand:
    »Verehre meinen Bund! berühre nie diesen Kranz! Nie möge ich ihn berühren!
Mein Geist sehe seinen Staub, sammle ihn und trage ihn in unser Vaterland.«
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Während nun Ernst aller der Wonne in seinem Herzen genoss, die ihm die blühende
und wohltätige Natur so reichlich darbot, während er auf seinen einsamen
Wanderungen auf die Stimme seines geheimen Führers horchte und dessen Geist in
der reinen Luft, mitten im Schoße der Natur ihm immer näher trat, immer
vertrauter und deutlicher ward und sein Blick in das Wesen und Leben der
Menschen immer tiefer eindrang, sich immer weiter ausdehnte und er nun näher
sah, was für Schätze der Mensch verloren und wodurch er sie verloren hat,
während er von seinem geheimen Lehrer lernte, wie der Mensch, der auf den
deutlichen Ruf der Natur, die reine Stimme des Herzens horche und allen ihr
widersprechenden, sie zerstörenden Reizungen des Wahns, der Eitelkeit, der
Gewalt und Herrschsucht entsage, sich allein trotz allen wilden, empörenden, von
diesen angebeteten Götzen erzeugten Äußerungen getreu verbleiben könne, sann
Renot, ein Sklav dieser Götzen, auf Mittel, ihm dieses wiedergefundne Paradies
der Unschuld, der Ruhe
