 zieht die Nacht ihren Schleier zwischen
mich und das, was ich hier erfahren habe. Dann stehe ich wieder in dem Tempel
der Natur, ihr Priester wandelt mir zur Seite, und ich höre das Zulispeln seines
Geistes - dort! dort werden mir seine Worte erst recht ganz lebendig werden!«
    Und als sie nun ankamen und die Freude der Hausgenossen und aller Landleute
sie empfing, als jeder herbeidrang, um die lange Vermissten zu sehen, und jedes
Freude sich in Blicken und Gebärden zeigte, da fühlte sich Ernst, wie er gewesen
war. Und als er den schmerzlichen Augenblick überstanden hatte, in welchem er
Renot in Hadems Zimmer treten und da sich einrichten sah, eilte er mit Ferdinand
nach seinem Walde, den Felsen, dem Fluße, den Tälern und jauchzte in seinem
Herzen, alles so zu finden, wie er es verlassen hatte. Er trug ein weißes,
feines Tuch in seiner Hand, in welches etwas eingeschlagen war; er verheimlichte
selbst Ferdinanden, was es entielte. Als er aber in die Höhle trat und die
Blende erreichte, sagte er zu diesem:
    »Ferdinand, alle diese Riesensäulen, welche den Berg tragen, hast du deinen
in der Geschichte berühmten Helden zu Denkmälern aufgestellt; ich lasse sie dir
und fordere keine. Aber auch ich will ein Denkmal aufstellen, ein Denkmal meines
Glaubens an die Tugend - an die Tugend, Ferdinand, die nicht erwägt, nicht
berechnet, ein Denkmal der ungeteilten, die ganze Welt umfassenden und
erhaltenden Tugend. Den Kranz, welchen ich in diesem Glauben in den blühenden
Feldern des edlen Mannes pflückte, will ich dieser einsamen, schauerlich
erhabenen Höhle anvertrauen und dem Auge der Menschen ganz verbergen. In dem
dunkelsten, unbemerktesten Winkel soll er hangen, solange als ich an die Tugend
glaube. Ferdinand, es ist ein Bundeszeichen zwischen ihr und mir. Noch einmal,
zum letztenmal, umwinde ich meine Schläfe damit - dann die deinen. - Erinnere
dich jetzt, was wir fühlten, als wir an dem Tage, da Hadem abreiste, vor meinem
Oheim standen und uns so bekränzt umarmten. Verehre mein Denkmal!«
    FERDINAND: Wie, Ernst? ein Kranz verwelkter Blumen, dürrer Ähren, den die
Feuchtigkeit des Orts in kurzem ganz vernichten wird - ist dieses ein Denkmal
der ewigen Tugend?
    ERNST: Mein Glaube macht ihn dazu, zu einer Pyramide, die den Menschen und
der Zeit trotzt. Ich werde Staub vor ihm sein, und mein Geist wird noch aus
jenen Welten herabsteigen und den seinen sammeln; denn wenn ich denken, wenn ich
fürchten könnte, dass je ihn meine Hand wegrisse, so wäre es besser für mich, ich
hätte nie das Licht der Welt erblickt, wäre nie aus jenem Lande
