 zwar mancher durch Talente und glückliche Umstände scheinen, aber nie es
wirklich in seinem Innern sein kann.
    Gleich der Tochter Jupiters, mit Schild und Speer bewaffnet, sprang die
Göttin, welcher sich Ernst im stillen weihte, plötzlich aus seinem Herzen: mit
dem Speer, um die niedrigen Ungeheuer, die Feinde des Lichts und der Wahrheit,
zu bekriegen, mit dem Schild, um den Liebling gegen die Pfeile des Schicksals,
gegen die Angriffe des Neides und der Bosheit zu decken. So schwebte sie vor
ihm, so wandelte er, ein anderer Telemach, an der Seite der unsichtbaren,
erhabenen Führerin: von ihr war Hadem ihm zugesellt. Selbst in reifern Jahren
verließ ihn dieses über ihm schwebende jugendliche Bild nicht; und oft, wenn ihn
alles verließ, wenn er in Gefahr war, sich selbst zu verlassen, trat es in
seiner ganzen Klarheit aus den verdunkelten Wolken hervor.
    Schon lange war Ernst in dieses idealische Land gedrungen, schon hatte er
sich dort angepflanzt, es gleich den Gärten der Hesperiden ausgeschmückt und mit
den Geistern bevölkert, deren Asche um ihn her zu lebendigen Wesen wurde, ehe
Hadem bemerkte, dass der Jüngling das Irdische übersprungen, das Land seines
Ursprungs erobert hätte und sich dort an der Tafel der Unsterblichen labte.
    Ein besondrer Vorfall musste ihm dieses entdecken. Oft gingen die Jünglinge
durch den Eichenwald, in welchem ihre Phantasie die vergangenen Zeiten träumte,
sie mit den jetzigen verband, wieder trennte und alle tätig im Geiste
durchlebte, nach der Höhle im nahen Gebirge. In dem Riesensaale der Höhle
überfiel sie das erhabene Erstaunen, der gedankenvolle geheime Schauder, der uns
bei den mächtigen Gegenständen der Natur ergreift; und aus diesen Gefühlen
erwachten in der Seele der Jünglinge das Nachsinnen und Ahnden über die Höhe,
Tiefe, den Zweck, die Mittel alles Geschaffenen, der denkenden, der fühllos
scheinenden Wesen, die diese Schöpfung beleben und darstellen.
    Ferdinand nannte den Riesensaal den Tempel des Ruhms, weil ihn keine
menschliche Kraft zerstören könnte, weil er so alt wäre als die Welt und so
lange als sie dauern müsste. Ernst nannte ihn den stillen Tempel der Tugend, weil
ihn Menschenhände nicht gebaut hätten. Ferdinand schuf die Säulen um sich her zu
Denkmälern der von ihm bewunderten Helden und nannte sie nach ihnen. Ernst
behielt sich, fern von den Denkmälern seines Gespielens, nur eine Blende in der
Felsenwand des Bergs nahe bei dem Abgrund vor, deren Mitte zu einer Stunde des
Tags ein Lichtstrahl traf und erleuchtete.
    Eines Tages drangen die Jünglinge weiter in dieses unterirdische Labyrinth
als sie bisher noch gekommen waren. Ihre Schritte und abgebrochenen Worte
hallten dumpf an den Felsen. Ohne Verabredung schien jeder von ihnen das schwere
Rätsel der Natur in ihrem düstern, geheimnisvollen Schoße
