 ihr wahres Bild, als das Bild der
echten Menschengrösse.
    In tiefer Stille aber betrat Ernstens Geist jenes Land der reinen, erhabenen
Tugend, das die Menschen idealisch nennen, weil sie, versunken im Schlamme des
Eigennutzes und der niedrigen Begierden, das Gefühl bis zur Ahndung verloren
haben, dass der Mensch sich nur als Bewohner dieses Landes von den Tieren
unterscheidet, dass wir dieses unsichtbare Land nicht nur ahnden, dass wir uns bis
in sein innerstes Heiligtum schwingen können. Wer es erreicht hat, ist über das
Schicksal erhaben, ihn tragen für immer die Fittiche der hohen und echten
Begeisterung der Dichtkunst, die nur aus jenem Lande die Farben und die Kraft zu
ihren Darstellungen erhält. Es eröffnet sich den Geistern der Geweihten in dem
Augenblicke, da die moralische Kraft ihres Herzens die Wolken durchdringt und
dort ihr Dasein mit höheren Zwecken verknüpft. Die dieses Land betreten, werden
von der Beherrscherin desselben mit hohen Gesinnungen, mit unüberwindlichen
Waffen zum Kampfe ausgerüstet, und ihre Taten, ihre Gedanken und ihre
Empfindungen tragen das unnachahmliche Merkzeichen ihres wiedererrungenen
Vaterlands an sich. So sind alle großen und edlen Menschen, die von dem Wege des
Haufens abtraten und Gutes, Wahres, Edles denken, tun und laut sagen, die
Bewohner jenes unsichtbaren Landes, das die Menge nicht ahndet und durch dessen
Einfluss gleichwohl auch sie von diesen unter sich verwandten Geistern zu den
Zwecken geführt werden, welche der erhabenste Geist dem Menschengeschlecht dort
aufgestellt hat. Daher entspringt das Eigentümliche, Kräftige, Feste und Sichre
jener Dichter, tätiger Menschen und Helden, und umsonst bemühen sich alle
andern, die sich über die Erde, ihre Verhältnisse und die Vorteile, die sie
gewährt, nicht erheben, den sichern Schwung, die feste Haltung in Wort und Tat
nachzuschweben oder nachzuahmen; ihre Handlungen, wie ihre Darstellung, sind nur
Abdrücke ihres eignen, um sich besorgten Selbsts. Ihre kalte, berechnende
Vernunft, die über Tat und Darstellung wuchernd und künstelnd dasitzt, entfernt
den Geist jener Geweihten. Ernst drang in die Mitte dieses Heiligtums und ward
da zum Dichter für dieses Leben eingeweiht. Ungern setze ich zur Erläuterung
dieses Worts hinzu, dass er seine Gefühle weder in Versen noch in Prosa der Welt
mitgeteilt hat, dass er Dichter in einem Sinne war, den ich nicht nötig hätte
anzudeuten, wenn Dichter dieser Art so gemein wären, als es diejenigen sind, die
sich darum Dichter nennen, weil sie die Spiele ihres Witzes und ihrer Phantasie
in wohlklingenden Versen zur Schau ausstellen. Die Spuren der Theorie der
Dichtkunst, von welcher ich rede, findet man ebenso selten in geistigen
Darstellungen als in Taten und Handlungen; denn ich rede von der hohen
moralischen Kraft, die allein den Helden und den Dichter macht und ohne welche
es
