 sie enthalten eine
neue Offenbarung der Natur, die ihrem Liebling ihre heiligsten Geheimnisse zu
einer Zeit entschleierte, da die Menschen sie bis auf die Ahndung verloren zu
haben schienen.«
    »Du siehst, Ferdinand«, rief Ernst entzückt, »dass Hadem uns nicht verlassen
hat, dass er uns nicht verlassen konnte. In diesem Buche muss sein Geist leben,
und er wird zu mir reden, ich werde ihn wieder hören.«
    Er schlug den Titel um und las: Emil.
    Es war das erste Buch unsers Jahrhunderts, das erste Buch der neueren Zeit.
Der Mann, der es schrieb, fasste den erhabenen Gedanken, die durch Üppigkeit,
Selbstigkeit, Witz, überfeinerte Ausbildung, durch eine Philosophie voller
Sophismen, eine alles zerstörende, sich selbst dadurch endlich auflösende
Regierung erwürgte moralische Kraft in seinen Zeitgenossen wieder aufzuwecken.
Dieses tat er so wahr und kühn, als er es fühlte, und mit der Stärke der
Beredsamkeit, deren nur derjenige fähig ist, in dessen Brust und Geist diese
moralische Kraft in ihrer ganzen Fülle wohnt. So tief wie er sah keiner die
Gebrechen der Gesellschaft, so tief wie er fühlte keiner, dass wahre Menschen in
derselben keine Stelle mehr finden können, auf welcher sie es ohne Gefahr
verbleiben dürfen. Sein scharfes Auge, sein forschender Geist, sein zartes,
verwundetes Herz entdeckten die Wurzeln des Übels; und mit kühner Hand riss der
Begeisterte die sich im Dunkel windenden Gänge auf, in denen sie vergraben
lagen, und verjagte die Gespenster, welche Stolz, Wahn, Eigenliebe und Gewalt zu
ihren schreckenden Wächtern bestellt hatten. Offen legte er das Gift dar,
welches das Edle und Wahre im Menschen zernagt, und nichts konnte ihn bestechen,
nichts ihn zurückhalten. Je mächtiger, je glänzender, je höher diejenigen
dastanden, welche dieses Gift erzeugten und unterhielten, desto schonungsloser,
desto kühner griff er sie an. In weissagendem Geiste sagte er den Vergiftern,
was ihnen bevorstände und wie eben das Gift, das sie ausstreuten, am Ende sie
selbst verzehren würde. Sie verschlossen ihm ihre Ohren. Er empfing von seinen
Zeitgenossen den Lohn, der jeden erwartet, welcher den Menschen die Wahrheit
sagt; aber eben dadurch legten sie bei der Nachwelt ein Zeugnis ab, dass er der
einzige Mann seines verderbten Zeitalters war, der ihnen den Spiegel der
Wahrheit treu vorhielt und sie vor dem Abgrunde warnte, den sie in ihrem Taumel
und Wahn selbst aufgruben.
    Nach vielen Leiden und Verfolgungen ist er in das Land zurückgekehrt, in
welchem er hier im Geiste wohnte: in das idealische Land, über welches der
Witzling spottet, an das der Eigennützige nicht glaubt und dessen Ahndung,
dessen Anerkennen unsern Ursprung und unsre Bestimmung allein beweisen. Und
trügen uns
