 Er fasste
dadurch ein gutes Vorurteil für seinen Beruf und entdeckte bald mehr als er
erwartete.
                                       3.
Hadem ward früh gewahr, dass Ernstens Dasein und Wirken mehr in seinem Innern
ruhte, sich mehr gegen dieses richtete als nach außen und um sich her. Er
bemerkte schon in den ersten Tagen, dass er ohne Aufwand und Geräusche höher und
tiefer empfand und dachte als Ferdinand von *** mit dem lebendigsten Ausguss und
Gebrause einer feurigen Einbildungskraft; mit einem Worte, er sah, dass sich die
Welt in der Seele Ernstens abspiegelte und Ferdinands Seele in der Welt. Er
hielt diese Entdeckung für so wichtig, dass er seine Erziehung darauf bauen zu
müssen glaubte. Fragen und Proben überzeugten ihn in kurzer Zeit, dass in Ernsten
vermöge seiner moralischen Kraft der Stoff zu einem Manne verborgen läge, der
einstens wohl das Wagestück mit seinen Sinnen, der Welt und dem Schicksale
bestehen könnte; dass Ferdinand, mehr auf den Flügeln einer warmen Phantasie
getragen, zwar kühnere Dinge unternehmen möchte, das Maß seiner moralischen
Kraft aber sehr schwer mit der Leichtigkeit und Kühnheit seines Wollens und
Begehrens in ein richtiges Verhältnis treten würde. Nach diesen Beobachtungen
fürchtete er nur für den letztern. Er strebte nun, die moralische Kraft in
Ernsten zu entwickeln, ihn durch dieselbe über alle Ereignisse des Schicksals zu
erheben und in Ferdinand die Einbildungskraft mehr in Einverständnis mit der
seinigen zu bringen, ihn so fest daran zu knüpfen, dass er bei den feurigen
Aufwallungen der Begierden und den ersten Schlägen des Schicksals nicht erläge,
jenen nicht auf Kosten seines bessern Werts nachgäbe oder vor diesen, um
denselben hohen Preis, sich zu bergen suchte.
    In diesem Sinne unternahm Hadem die Bildung der Jünglinge; und da er mehr
entwickelte als lehrte und nichts lehrte, was nicht mit seinem Hauptzwecke in
Verbindung stand, so bildete sich der Geist aus der moralischen Kraft des
Herzens, und jede neue Kenntnis und Anschauung dienten nur dazu, diese zu
verstärken, zu erheben und zu veredeln. Durch den milden und schimmernden Glanz
guter und großer Taten des Altertums und der neueren Zeit führte er sie mit der
Erlernung der Sprachen zur Kenntnis der Welt und der Geschichte. Ferdinands
lebhafte Einbildungskraft folgte der Bahn der Helden. Er erkämpfte ihre Siege
mit ihnen, zog mit ihnen die Augen der Menschen auf sich, genoss ihres Ruhms,
sprang an das Ziel, pflückte mit ihnen den Lorbeer, und, trunken von dem
Siegesgeschrei, verblendet von dem Glanze der Taten, übersprang sein feuriger
Geist die Mühe und Aufopferungen, die sie erforderten, übersah er die Mittel und
die Folgen dieser täuschenden Taten für ihre Urheber, ihr Glück und das Glück
ihrer Zeitgenossen. Nur auf dem Siegeswagen erblickte er die Helden der Vorwelt,
und ihr schimmernder Glanz verbarg ihm sowohl
