 dann
hängte er ihn wieder an die Wand.
    Der Präsident sah dem Schauspiele gerührt zu; aber der kalte Geist der
Welterfahrung sagte ihm bald: »Die feurige Ergiessung des Jünglings ist gut und
heilsam; die Ruhe wird um so gewisser und schneller darauf erfolgen.«
    Ernst bestärkte ihn in dieser Meinung, da er nun gefasst zu ihm trat und
sagte:
    »Mein Vater wird bald kommen und Ihnen die Sorge für Ihren Neffen abnehmen.
Bis dahin wird ihn der Geist Hadems führen. Dieses Zimmer verlasse ich nicht,
bis zur Rückkehr meines Vaters. Ich traue nun der Welt nicht mehr; Ihre Worte
und diese Ihre Tat dienen mir zur Warnung.«
    Der Präsident versuchte ihm zu liebkosen; aber Ernst antwortete:
    »Dieses ist die Stunde, in welcher Hadem mit uns die Taten der Männer der
Vorwelt las. Er wird nicht kommen; aber wir werden denken, er sitze bei uns, und
alles das tun, was wir in seiner Gegenwart zu tun pflegten.«
    Er legte ein Buch auf Hadems Platz, stellte einen Stuhl für ihn hin, dann
zwei andre für sich und Ferdinand und sagte zu diesem:
    »Ferdinand, er ist mitten unter uns!«
 
                                  Zweites Buch
                                       1.
Der Präsident hoffte durch Vorstellungen des Unschicklichen und durch
freundliche Begegnung Ernsten von seinem Vorsatz abzubringen; aber an der Ruhe,
der Kälte, womit dieser darauf beharrte, sah er wohl, dass er damit nichts
ausrichten würde. Er schmeichelte sich indes, der beschränkte, einförmige
Aufenthalt würde dem jungen Menschen bald lästig werden; doch auch hierin irrte
er sich. Ein Tag verfloss nach dem andern, und er sah in dem Gesichte des
Jünglings keine Spur des Verlangens oder der Unbehaglichkeit; er bemerkte nicht
die sanfte Melancholie, welche Ernst in seinem Busen darüber nährte, dass er
durch seinen Brief Hadems Entfernung veranlasst hatte. Es schien, als hielte er
seinen Schmerz für einen geheimen Schatz, der an seinem Werte verlöre, wenn er
ihn einem menschlichen Auge zeigte. Diese Stärke, diese Ruhe wirkten auf den
Präsidenten, und in den ersten Tagen bewunderte er sogar dieses Betragen; da
aber Ernst ohne weitere Äußerung immer dabei beharrte, so setzte sich ein
bitterer, tiefer Unwille in dem Herzen seines Oheims fest, der nur eine neue
stärkere Veranlassung zu erfordern schien, um in unauslöschlichen Hass
überzugehen. Jetzt sah er sich von seinem Neffen einem Fremden nachgesetzt, von
einem Knaben verachtet und beleidigt, und um so mehr beleidigt, da er alles zu
dessen Bestem getan zu haben glaubte und für alle seine Bemühungen nichts als
Beweise eines störrischen, undankbaren Gemüts entdeckte, das, durch eine
Schimäre verzerrt, keines einzigen natürlichen und vernünftigen Verhältnisses
unter Menschen achtete.
    Ferdinand sah in den ersten Tagen den
