 milde Geist seines Schülers könne diesen nicht ertragen. Sein
Geist verwirrte sich auf Augenblicke, so dass er glaubte, der zu ihm Redende sei
eine täuschende Erscheinung aus der andern Welt. Aber jetzt fand er bei mehrerem
Nachdenken eben in den letzten Worten, wodurch sich Ernst alle Hilfe, alle
Genesung abzusprechen schien, einen Strahl der Hoffnung. Er bauete diese auf
eben das Gefühl, wodurch Ernst seine Verzweiflung an sich selbst andeutete.
    Und jetzt fühlte er das Erhabene in dem Bewegungsgrunde zu Ernstens gegen
sich selbst gekehrtem Hasse, der diesem verborgen war und verborgen bleiben
musste. »Er hasst nicht die Menschen, die ihm dieses getan, ihn dahin gebracht
haben, er hasst sich, weil er nicht mehr ist, was er war; und darum ist er noch
in seinem tiefen Innern, was er war!« So lispelte Hadems Geist seinem
bekümmerten Herzen zu, aber wie konnte er wieder einen Lichtstrahl aus jener
Welt durch die dicke Finsternis, die seinen Geist verhüllte, zu ihm leiten? wie
das von diesem Geiste ganz getrennte Herz wieder mit ihm vereinigen?
    So saß er lange sinnend. Er empfand, dass alle trockne Worte, alle Gründe der
Vernunft hier fruchtlos sein würden. Vielmehr fürchtete er, durch Gründe und
Vorstellungen den zu Zweifeln geneigten Geist seines Schülers noch mehr zu
reizen. Er überzeugte sich, dass er alles entfernen müsste, was weiteres
Nachsinnen über diesen Gegenstand erwecken könnte. Er sah ein, dass ein durch
solche Ereignisse hervorgebrachtes düstres Gefühl jedem Gedanken seine Farbe
mitteilen müsste, dass er durch Zergliederungen des Geschehenen Gefahr liefe,
Ernstens Selbstass gegen die Menschen zu kehren oder ihn auf die Klippe des
Unglaubens an alle Tugenden zu treiben, vor welchem ihn bisher sein Selbstass,
ihm unbewusst, noch gerettet hatte. Sein Geist ahndete Rettung, aber noch begriff
er nicht, woher sie kommen sollte.
    Ernst fragte ihn abends noch einmal:
    »Werden Sie reisen? Und wenn Sie zu Ihren Wilden reisen, werden Sie Ihren
Schüler nicht mitnehmen?«
    HADEM: Edler, der du größer im Unglück bist, als du glaubst, ich verlasse
dich nicht. Und wenn du stirbst, so sterbe ich mit dir, denn stürbest du in
dieser Dunkelheit - müsste nicht ich dir den Weg zu unserm Vaterlande zeigen,
dessen Spur du verloren hast? Du bist seiner noch wert.
    Ernst wendete sein Angesicht weg.
    Hadem ergriff seine Hand: »Ich, der dir nie eine Unwahrheit gesagt, ich, der
mit dir sterbe, ich sage, du bist dieses Landes nie werter gewesen.«
                                       7.
So lebten sie noch einige Zeit fort. Ernst ward sanfter, milder, aber er sprach
wenig. Nur nahm die Sorge für seinen Freund täglich zu.
    Eines Abends
