 dem Munde
stürzen, der zum Segnen, zum Ausdruck der Verehrung gebildet ward. Dann wird der
Tempel ganz in Staub zerfallen sein, auf dessen Trümmern ich jetzt sitze wie ein
klagender Geist der Vorzeit. - Ich kann ihn nicht mehr aufbauen, es geht über
meine Kraft.
    HADEM: Den Jugendtraum! Ich bitte, erzählen Sie mir Ihren Jugendtraum.
    ERNST: Ah, seine Farbe ist verblüht, in dem Winde zerstreut - ich kann sie
nirgends mehr finden. Das Schicksal hat meine Flügel zerschnitten - und der
Geist, der sie erschwärmte, wo ist er? Erschuf er sie? Wahrlich, ich vermag es
nicht mehr, aber das, was darauf erfolgte, das schreckliche Erwachen, das! das!
werde ich Ihnen andeuten können, dazu liegen die schwarzen Farben in meinem
Herzen.
    Und langsam, unter dem peinlichsten Kampfe, bald stockend, bald in wilder
Ergiessung, bald mit Tränen, bald mit Heftigkeit erzählte er das Geschehene von
Renots Eintritt an bis auf den Augenblick, in welchem er den Kranz aus der
Blende riss und in den Abgrund warf.
    Und er endigte: »Mein Geist, mein Glaube an die Tugend stürzten ihm nach,
und nun hasse ich das Menschengeschlecht, hasse es in mir, hasse es darum in
mir, weil ich aufhören konnte, der zu sein, der ich war! Um den Verlust dieses
Glückes, dieses Sinnes, um den Verlust der Hoffnung, meinen geliebten Knaben
dort wiederzusehen, hasse ich mich! Und dieser wilde Hass wird täglich bitterer,
empörender - er, er allein, hält schon lange die Tränen in meinen Augen zurück,
die ich über mein Schicksal weinen könnte. Reisen Sie nun ohne mich, wenn Sie es
können.« Er floh aus dem Zimmer. Hadem hatte alle Qualen, die er bei der
Erzählung empfand, schweigend ertragen - sie trieb ihn an die Pforten des Todes,
und oft sank sein Bewusstsein; aber als Ernst die letzte raue Behandlung
berührte und dann mit dem schrecklichsten Blick, den Hadem je in eines Menschen
Auge gesehen, sagte, wie er den Kranz in den Abgrund geschleudert hätte, und
dann rief: »Mein Geist, mein Glaube an die Tugend stürzten ihm nach«, da stockte
sein Leben einen Augenblick, und als er wieder zu sich kam, sah er angstvoll
nach Ernsten, als wollte er sich von dem Dasein desselben überzeugen, als
zweifelte er, ob er es wirklich sei, der diesen Augenblick überlebt hätte.
    Und nun kannte er die schrecklichen Ursachen von der Verhüllung des Geistes,
der moralischen Kraft seines Schülers. Er dankte dem Ewigen für sein Dasein;
denn bei jedem neuen Schlage glaubte er, es zerfiele nun und das ihm bekannte
edle Herz, der
