 mit
aller ihm noch übrigen Kraft, er kämpfte vergebens; denn die Menschenscheu, die
Verachtung, die Bosheit, womit man ihn behandelte, hatten Menschenhass in ihm
erzeugt, aber sein Menschenhass war eigener Art; es lag auch noch da ein erhabnes
Gefühl zum Grunde, das in dieser Zerrüttung den vorigen Adel seines Geistes
bezeugte. Er hasste nicht den Menschen in andern, er hasste ihn in sich - wegen
der Erniedrigung, in welche ihn die nagenden Zweifel und die aus ihnen
entspringende Denkart gestürzt hatten. Er hasste den Menschen in sich, weil der
hohe Glaube, der ihn einst beseligte, in ihm gesunken war, er hasste ihn in sich,
weil er vergebens um das Licht kämpfte, in welchem er einst wandelte. Kalt und
gleichgültig gegen sich und alles ging er nun in dem Paradiese seiner Jugend
umher. Kein Gegenstand erinnerte ihn an das Vergangene, er lebte nur in dem
Gegenwärtigen, mit der quälenden Auflösung des Rätsels beschäftigt, ob er einst
nur geträumt habe, ob das Land über den Wolken, von dem er sich entsprossen
glaubte und wohin er zurückzukehren hoffte, bloße Täuschung sei. Und wenn ihn
diese schrecklichen Gedanken überfielen, rief er klagend: »Ich werde meinen
Franz nicht wiedersehen - auch sein Dasein war nur ein Traum - der mir bloß zu
augenblicklicher Beschauung vorschwebte - seine Blüte ist zerfallen - er modert
- ich finde ihn nirgends als aufgelöst in seinem Grabe! Die Erde hat auch mich
gefesselt wie ihn, ihre Bewohner haben meinen Geist gebunden - sie schlugen nun
die Pforten am Tempel der Natur, der Wahrheit, der Tugend und jener Welt zu, und
ich habe den Sinn verloren, der sie mir einst öffnete!«
    Der Kammerrat versuchte seine Aufmerksamkeit zu fesseln, aber es war
vergebens. Ernst wich seinen Gesprächen, selbst seinen treuherzigsten,
gefühlvollsten Ergiessungen aus. Nur wenn jener von Franzen redete, lächelte
Ernst zuzeiten schmerzlich; aber oft blickte er finster auf ihn und wiederholte
die schrecklichen Worte: »Ich werde ihn nicht mehr sehen!«
    Der Kammerrat stand den Geschäften mit der ihm gewöhnlichen Treue, dem ihm
eignen Eifer vor, freute sich über den Fortgang der Wirtschaft und hoffte noch
immer, Ernst würde endlich aus seinem Kummer erwachen und sich an sich selbst,
an seinem Werke ergötzen. So oft er mit Ernsten ging, deutete er da und dort
hin, auf diese und jene Verschönerung oder Verbesserung, auf diese und jene neu
keimende Hoffnung.
    Ernst antwortete ihm: »Es ist Erde, von oben muss das Licht zu ihrer
Verklärung kommen.«
    Der Kammerrat antwortete:
    »An Licht hat es uns nicht gefehlt. Die Sonne scheint wie sonst, wir mögen
ihr nun dafür danken oder nicht, und das ist es eben
