, welches ich nun nicht um
Ihrentwillen begehen könnte!
- Weg mit diesen Unglücklichen! Mein Blick ruht auf dem Edlen, zu ihm zieht mich
mein Herz.
                                       4.
Als man dem berüchtigten Ungeheuer die Aussagen der am Morgen zum Tode
Verurteilten vorlas und er Ernstens Antwort vernahm, sagte er lachend:
    »Man hält mich für einen Tyrannen, so will ich es denn einmal beweisen. Der
teutsche Edelmann soll leben, weil er sterben will. Man führe ihn über die
Grenze.«
    Er strich Ernstens Namen durch.
    Auch diese unerwartete Rettung ward in dessen Vaterlande als ein neuer
Beweis seiner Verbindung mit jenen abscheulichen Menschen angesehen und durch
das ganze Land verbreitet. Verfolgt von seinem schrecklichen Schicksal, von der
Erinnerung der grässlichen Begebenheiten, deren Zeuge er gewesen war, und von dem
Gedanken an das traurige Schicksal Teutschlands, dessen Verwüstung er zum
zweitenmale sah, kehrte Ernst in das Vaterland zurück. Hier fühlte er die
Wirkung von der Bosheit seiner Feinde. Gehasst, verspottet, beschimpft floh er
schnell auf sein Gut, aber auch hier fand er das Herz seiner Landleute, deren
Wohltäter er immer gewesen war, die einst das größte Zutrauen zu ihm hatten, die
ihn als ihren Freund und Vater ansahen, gegen sich vergiftet. Auch sie sahen in
ihm einen Freund und Mitgenossen derer, die schon viele ihrer Söhne und
Verwandten erschlagen hatten und die ihnen, wie den andern Unglücklichen, mit
Verwüstung, mit Erpressung drohten; denn um diese Zeit hatten die
Gewalttätigkeit und Zügellosigkeit der französischen Heere längst alle sonstige
Gefahr von dem deutschen Boden entfernt.
    Ernst stand allein; und jetzt, da sein hoher Sinn unter seinem Schicksal
hingesunken war, erreichten und trafen der tolle Wahnsinn und die giftige
Bosheit sein Herz. Ferne stand der Geist, der ihn geleitet hatte, die schönen
Träume seiner Jugend waren entflohen, seine Grundsätze, auf denen er wie auf
Felsen geruhet hatte, zusammengestürzt, sein Glaube erloschen; und die Tugend
schwebte nur noch zerstückelt vor seinem düstern Sinne. Seine moralische Kraft
war ganz verhüllt, er konnte das große, erhabene Ganze, in welchem die Tugend
besteht und sich darstellt, nicht mehr umfassen und übersehen. So zerstückelt
sich vor unsern Augen bald die Wolke in Osten, welche die Sonne bei ihrem
Aufgang erleuchtet und vergoldet, an einem stürmischen Tage, sie zerfällt in
graue, gestaltlose Fetzen und verschwindet in Dunst am Horizont. Hadems letzte
Worte erhielten nun den schrecklichen Sinn wieder, den Ernst einst bekämpft
hatte, seine Erfahrung an den Menschen, die Begebenheiten in Paris wurden ihm
durch Renots Lehren erklärt. Diese stellten ihm nun die Tugend als eine Gaukelei
vor, welche die erhitzte Einbildungskraft erschafft und ausschmückt, um Toren zu
verblenden. Er kämpfte gegen diese schrecklichen Gedanken und Empfindungen
