 seinigen begegneten.
    Ernst fuhr fort: »Ich habe über diesen Gegenstand eine Handschrift gelesen,
eine Art von Gedicht, das vielleicht mit der Zeit erscheinen wird. Die Erde und
die Hölle sind der Schauplatz. Alles ist in wildem, gärendem Aufruhr, nur der
Himmel schweigt - nur zwischen ihm und dem klagenden, bebenden, blutenden
Menschengeschlechte scheint ein undurchdringliches Gewölbe befestigt, durch
welches das Winseln, das Jammern nicht dringen kann. Der schlafende Genius der
Menschheit erwacht bei den ersten Erscheinungen. Es scheint ihm, als habe die
Zeit ihm die von dem Wahne und der Torheit gefesselten Flügel leise aufgelöst,
und freudig und kräftig dehnt er sie aus. Schon schwebt er empor, um Zeuge des
schönen Schauspiels zu sein; als sich aber nun die Szene so fürchterlich ändert
und er die ungeheuren Taten sieht und über das ganze Menschengeschlecht trauert,
erhebt er sich himmelwärts, um vor den Thron des verhüllten Ewigen zu treten und
ihn zu fragen, was der verborgene Zweck des Ewigen mit diesem Geschlechte sei,
das auf diesem Wege, durch diese Mittel die höhere Entwickelung seiner
Bestimmung suche.
    Er sucht den Verhüllten, schwebt von Welten zu Welten, immer fragend: Wo ist
er? Die großen, die ungeheuren, die schrecklichen Taten und Verbrechen dauern
auf der Erde fort - Nun steht er, am Ende des Gedichts, an dem Ziele seiner
Reise. Der Glanz, der von dem Throne des Ewigen ausgeht, leuchtet durch den
Äther, verklärt das Angesicht des traurigen, bebenden Genius. Nun betritt er die
goldnen Wolken vor dem Throne des Verhüllten. Seine zitternden Lippen sprechen
die Frage aus - anbetend harrt er auf die Antwort, und eine Stille, ein
Schweigen herrscht durch die Himmel wie an dem ersten Schöpfungstage. Mit diesen
Worten endet die Handschrift.«
    DER FÜRST: Der Sinn dieses Schweigens ist fürchterlich.
    ERNST: Mir ist er es nicht, mir scheint er erhaben zu sein und die
Anerkennung der eignen Würde des Menschen zu enthalten. Der Ewige sollte durch
laute Erklärung das Gefühl der Selbstständigkeit, auf welcher unser moralischer
Wert beruhet, nicht erschüttern. Sein Schweigen rettet unser Verdienst, es
deutet auf Licht jenseits des Grabes. Wir müssen an den hohen Zweck unsrer
Bestimmung glauben, damit wir ihrer wert seien. Die ganze Wendung missfiel
Ferdinanden, und zwar umso mehr, da er in den Augen des Fürsten Beifall wahrnahm
und der Minister ihn durch seine Blicke zu fragen schien, wie er, ein Freund
Ernstens, an dieser Stelle zu dieser unerwarteten, so leidenschaftlich
ausgesprochenen Frage gekommen sei?
    Ernst sah ihn freundlich an und hoffte, das Gespräch über diesen Gegenstand
würde nun zu Ende sein, als ein junger französischer Edelmann sagte:
    »Die Erklärung wie die Dichtung scheint mir mystisch
