 einer so wichtigen
Sache entdeckte, erstaunte man, bedauerte und ließ es sich sehr angelegen sein,
sie mit dieser nötigen Kenntnis zu bereichern. Hadem sah die Unmöglichkeit ein,
seine Zöglinge vor einem Übel zu bewahren, das alle Stände unsers Zeitalters
ergriffen hat. Man gab den Jünglingen die Romane des Tages. Ferdinand verschlang
sie; Ernst, dem ein Wunderbares andrer und höherer Art vorschwebte, konnte das
Wesen, Leben, Handeln und Denken der Menschen in denselben gar nicht begreifen
und würde von aller weiteren Neugierde auf immer geheilt worden sein, wenn ihm
die Tochter des Präsidenten nicht einen gegeben hätte, der sein Herz zerriss,
ausdehnte und seine Seele folterte, spannte, erhob, niederdrückte und zermalmte.
Wer kennt nicht die feurigste, vollendetste Darstellung des heutigen Genius?
    Auch Ferdinand las diesen Roman, und seine Einbildungskraft entbrannte so
gewaltig, dass er von diesem Augenblick nichts Größeres, Erhabneres und
Nachahmungswürdigeres kannte als die Lage dieses jungen Helden, sein
patetisches Ende, das er als ein Opfer hoher Tugend für ein Geschlecht ansah,
für welches man nach seiner jetzigen Stimmung nichts weniger tun könnte. Alles,
was sonst so tief, stark und schön Gedachtes und Gefühltes über Menschen,
Schicksal und Natur darin lag und was einen so mächtigen Eindruck auf Ernsten
machte, entwischte ihm.
    Natürlich ward nun dieses der Hauptgegenstand der ersten Unterhaltung in dem
jugendlichen Kreise. Ferdinand malte seine Gefühle mit den stärksten und
lebhaftesten Farben und fand in den jungen Fräulein um sich her, die sich als
den Gegenstand seiner Begeisterung und seines Heldenmuts ansahen, sehr
aufmerksame und gespannte Zuhörerinnen. Begeistert rief er, indem er seine
feurigen schwarzen Augen gegen Amalien, die dreizehnjährige Tochter des
Ministers ***, eins der reizendsten Geschöpfe, wendete: »Oh, es muss ein süßer,
erhabener Tod sein, für seine Geliebte zu sterben! Ich wünsche mir ihn!«
    Keine der Zuhörerinnen widersprach, und nur einige Junker, die schon weiter
in der Erfahrung gekommen waren, lächelten. Amalie errötete sanft, und die
Tochter des Präsidenten fragte Ernsten, in dessen Augen sie ein ihr fremdes
Gefühl zu bemerken glaubte, was er davon dächte. Er antwortete gelassen, indem
sein Blick auf eben diese reizende Amalie fiel: »Ich schlage des Mannes
Bestimmung höher an.«
    Alles schwieg, und Amaliens Wangen färbten sich höher. Ein Blick schoss unter
ihren langen Augenwimpern auf Ernsten hervor, dann sah sie gegen den Boden.
    Hadem trat nun näher und sprach:
    »Ich höre Ihnen wirklich mit Verwunderung zu und kann gar nicht begreifen,
wie junge Leute, die weder den Wert des Lebens noch die Bestimmung des Menschen
kennen, sich anmassen, über Dinge zu reden, die ihnen ebenso fremd als dunkel
sein sollten. Da es aber nun
