 man die Quellen dieser Erscheinungen übersieht und weder gerecht
verfährt, noch verfahren kann. Dir vergebe ich es umso mehr; denn wer kann von
dir fordern, dass du vergessen sollst, was du durch diese Begebenheiten erlitten
und verloren hast! Es ist menschlich, dass du alles, was dort geschah und
geschieht, als Zerstörung deines Glückes, als Vernichtung deiner letzten
Hoffnung ansiehst; aber eben darum ist dein Urteil auch so parteiisch, weil es
aus Leidenschaften, aus Rücksichten auf dich selbst entspringt.
    Du siehst mich unwillig an. - Ferdinand, ich bitte dich, vergiss dich einen
Augenblick. Dir kann ich ja wohl sagen, was ich denke, du wirst meine Worte
nicht missdeuten und auch hier deinen Freund nicht verkennen, der sich dir jetzt
anvertrauen muss. Längst merkte ich, dass du dies erwartetest; denn leider können
in dieser unglücklichen Zeit weder Menschen noch Freunde zusammenleben, ohne
sich über diesen Punkt zu verständigen, und dieses ist nicht die kleinste der
bösen Folgen für uns und unser Vaterland.
    Du hast lange in Frankreich gelebt. Sage mir aufrichtig, hast du etwas
anderes von dem Augenblick erwartet, da dieses Volk das morsche, lockre Band
zerriss, das es nur noch zusammenzuhalten schien? Hatten seine Vorsteher und
Führer nicht schon längst durch ihren an ihm geheim und öffentlich ausgeübten
Frevel allen Glauben an Tugend und moralischen Wert in dem Herzen dieses Volkes
aufgelöst? es durch ihre Taten zu diesem Unglauben, dieser Verzweiflung an allem
Guten gezwungen? Konnten da die Folgen anders sein? Kannten ihre Führer andre
Götzen als das Interesse, die Befriedigung ihrer Torheit und ihrer
unersättlichen Begierden, die sie öffentlich, ohne alle Scheu und Scham, und
immer auf Kosten derer befriedigten, die sie unterdrückten? Ward die den
Menschen erniedrigende Lehre der Sinnlichkeit, des Nutzens nicht öffentlich in
Systemen aufgestellt? diesem zerdrückten Volke vorgelegt, damit es bei seinem
physischen Elende auch die moralischen Quellen desselben kennenlernte und sich
fest überzeugte, es sei nun keine Hoffnung der Rettung mehr? Übte man an diesem
gutmütigen, seinem Könige so treu ergebenen Volke in dessen mächtigem Namen
nicht alle Verbrechen solange aus, bis man das Vertrauen zu dem Könige und alle
Keime des Guten in dem Volke erstickt, alles Gefühl der Gerechtigkeit vertilgt
hatte? Kann der gerecht sein, gegen den man immer ungerecht war? Und warum
schreibst du nun alles das, was Böses geschehen ist, diesem Volke allein zu?
Musste es nicht endlich an seinem Lehrmeister, da dessen Macht und Ansehen
verschwunden war, das ausüben, was es von ihm gelernt und erfahren hatte?«
    FERDINAND: Musste, Ernst! musste!
    ERNST: Halte dich nicht an ein Wort, dessen Sinn zum Zergliedern viel zu
schrecklich ist. Mein Herz verwirft ihn;
