
aussetzen, womit man Ihr Herz bedrohte? Wär ich dann der Mann gewesen, der sein
Glück, den schönsten Wert seines Daseins in Ihnen blühen und reifen sah? Sollte
eine raue Hand dies alles erschüttern, vielleicht zerstören? Entschied nicht
hier die Notwendigkeit, und gebot sie nicht gewaltig? Ja, es war ein
erschrecklicher Augenblick für mich; ich sah voraus, dass durch meine Entfernung
und die Veranlassung dazu das schöne Ideal Ihres Sinnes Gefahr lief, entweder
verdunkelt zu werden oder dass Sie seine Grenzen überschreiten würden. Das erste
fürchtete ich weniger, da ich mich allein dem Unwillen Ihres Oheims aussetzte
und durch meine Abreise Schonung für Sie erwarten konnte. Um so mehr fürchtete
ich das letzte; und aus dieser Furcht entsprangen die Worte, die Ihnen so vielen
Kummer verursacht haben. Möchten Sie nie in den Fall kommen, sich ihrer erinnern
zu müssen; aber wenn Sie mit dem Geiste, der Sie belebt, unter den Menschen
tätig sein wollen, so bewaffnen Sie sich mit Mut, Geduld und Stärke. Erwägen Sie
das, was die Menschen ertragen können! Erwägen Sie, dass diese, von Stolz,
Eitelkeit und andern niedrigen Leidenschaften angetrieben, unsern Handlungen
selten reinere Bewegungsgründe zuschreiben! Vergessen Sie nie, dass der Geist,
der Sie beseelt, den groben Sinnen des Haufens nicht fasslich ist, dass die
Menschen von Gott und der von ihm ausgehenden Tugend am meisten reden, weil sie
beide in ihrer erhabenen Reinheit am allerwenigsten denken und ahnden; und dann,
dass den Tugendhaften wie den wahren seltenen Dichter, die einander beide in einem
so edlen Sinne gleichen, hier gewöhnlich ein und dasselbe Schicksal erwartet.
    Mag jede Ihrer Handlungen ganz und rein aus Ihrem Herzen, wie Ihre Göttin
aus Jupiters Haupte, entspringen; aber bedenken Sie vor der Ausführung, dass eine
gute, für den Zweck erspriessliche Handlung in dem Verhältnisse mit den Menschen,
zu deren Bestem sie geschehen soll, freilich das Schönste, aber auch das
Schwerste ist, was der Mensch bewirken kann. Eine zu rasch, zu schonungslos
betriebene Tat bringt uns leicht um die vielen Früchte, die uns die Zukunft noch
aufspart. Wir leben nicht mehr in den Zeiten großer, kühner Taten, wo ein Tag,
eine Stunde über den großen Wert des Lebens entscheiden kann, wo wir in einem
Tage den Kranz des Ruhms erwerben. Wir müssen ihn nun unbemerkt, aus stillen,
prunk- und geräuschlosen Taten bilden und ihn im Innern unsers Herzens der
Tugend weihen, um durch unsern Schmuck das Auge der Menschen nicht zu reizen.
Und lieben Sie nicht die stille Tugend? Werden Sie sich über unser Los beklagen?
Besonders, Geliebter, hüten Sie sich vor den Folgen des Misslingens guter
Absichten auf Ihr Herz! Dieses ist
