 über unsre Altväter, die
Cherusker, Chatten und Sveven.
    HADEM: Und wie kommt ihr darauf?
    ERNST: Der Strom, die Abendröte, die Vergangenheit, Homer, der Eichenwald -
die Schatten unsrer Vorfahren traten herein, wir träumten sie lebend, mit den
Römern im Kampfe um ihre Tugenden.
    HADEM: Wie das? Ernst, wie das?
    ERNST: Dies ist eben der Sinn des Heldengedichts, das wir dachten oder
träumten, als Sie kamen. Der Teutsche kriegt mit den ihn angreifenden Römern um
seine Tugenden, seine Sitten, seine Freiheit. Hermann ist der Held. Der Kampf
wird nun geführt zwischen den unverdorbenen Söhnen der Natur und den durch
Glück, Kunst und Üppigkeit ausgearteten Römern. Spott, List, Betrug, Biederkeit,
Aufrichtigkeit und Treue stehen gegeneinander auf. Es ist der Krieg der edlen,
einfachen Natur mit der Ausartung der Kultur. Die römisch-griechischen Götter
schweben über dem Schauplatz im Kampfe für ihr Volk mit den Göttern unsrer
Väter, die Sie uns bekanntgemacht haben. -
    HADEM: Gut, recht gut, aber ich fürchte für die Götter des Nordens.
    ERNST: Fürchten Sie nichts, Hadem; jedem der griechisch-römischen Götter
haben wir einen kühnern und mächtigern entgegenzustellen.
    HADEM: Und doch fehlt eine Göttin, die leicht den Ausschlag zum Vorteil der
Götter des griechisch-römischen Himmels geben könnte.
    ERNST: Und diese?
    HADEM: Wer anders als Minerva, die erhabene Tochter Jupiters, die Göttin der
Weisheit und Klugheit.
    ERNST: Oh, auch sie war unter den Göttern des Nordens, unsre Väter kannten
sie recht gut und unter einem viel reinern und kräftigern Bilde.
    HADEM: Sagen Sie doch! Unter welchem?
    ERNST: Unter dem Bilde der männlichen Tugend, um deren Besitz sie eben mit
den Römern stritten, von denen sie sich die griechisch-römische Göttin nicht
aufdringen lassen wollten, weil die Klugheit derselben ihrem geraden,
aufrichtigen Sinne zuwider war, weil Klugheit so gern in List ausartet, sich so
leicht in List gefällt. Unsre Väter dachten sich ihre Götter wie sie selbst
waren: ohne alle List, Betrug und Feinheit. Und siegten sie nicht unter dem
Schilde ihrer Göttin über die Zöglinge der Kunst? Ja, eben diese Göttin müsste
die Muse des Heldengedichts sein, den Dichter begeistern und die Helden so
beleben, dass sie sich selbst in ihnen kräftig darstellte.
    Hadem sagte lächelnd: »Ernst, Sie sprechen ja selbst wie ein Dichter.«
    Ernst erwiderte: »Macht dieses, was ich empfinde, den Menschen zum Dichter,
Hadem, so soll mein ganzes Leben unter ihrer Leitung ein Heldengedicht werden;
denn auch ich will unter dem Schilde dieser erhabenen Göttin stehen. Die Tugend
der Helden blüht nicht allein
