, warum besonders die Atener auch ein philosophisch Volk sein
mussten?
    Das konnte der Aegyptier nicht. Wer mit dem Himmel und der Erde nicht in
gleicher Lieb und Gegenliebe lebt, wer nicht in diesem Sinne einig lebt mit dem
Elemente, worin er sich regt, ist von Natur auch in sich selbst so einig nicht,
und erfährt die ewige Schönheit wenigstens so leicht nicht wie ein Grieche.
    Wie ein prächtiger Despot, wirft seine Bewohner der orientalische
Himmelsstrich mit seiner Macht und seinem Glanze zu Boden, und, ehe der Mensch
noch gehen gelernt hat, muss er knieen, eh er sprechen gelernt hat, muss er beten;
ehe sein Herz ein Gleichgewicht hat, muss es sich neigen, und ehe der Geist noch
stark genug ist, Blumen und Früchte zu tragen, zieht Schicksal und Natur mit
brennender Hitze alle Kraft aus ihm. Der Aegyptier ist hingegeben, eh er ein
Ganzes ist, und darum weiß er nichts vom Ganzen, nichts von Schönheit, und das
Höchste, was er nennt, ist eine verschleierte Macht, ein schauerhaft Rätsel; die
stumme finstre Isis ist sein Erstes und Letztes, eine leere Unendlichkeit und da
heraus ist nie Vernünftiges gekommen. Auch aus dem erhabensten Nichts wird
Nichts geboren.
    Der Norden treibt hingegen seine Zöglinge zu früh in sich hinein, und wenn
der Geist des feurigen Aegyptiers zu reiselustig in die Welt hinaus eilt,
schickt im Norden sich der Geist zur Rückkehr in sich selbst an, ehe er nur
reisefertig ist.
    Man muss im Norden schon verständig sein, noch eh ein reif Gefühl in einem
ist, man misst sich Schuld von allem bei, noch ehe die Unbefangenheit ihr schönes
Ende erreicht hat; man muss vernünftig, muss zum selbstbewussten Geiste werden, ehe
man Mensch, zum klugen Manne, ehe man Kind ist; die Einigkeit des ganzen
Menschen, die Schönheit lässt man nicht in ihm gedeihn und reifen, eh er sich
bildet und entwickelt. Der bloße Verstand, die bloße Vernunft sind immer die
Könige des Nordens.
    Aber aus bloßem Verstand ist nie Verständiges, aus bloßer Vernunft ist nie
Vernünftiges gekommen.
    Verstand ist ohne Geistesschönheit, wie ein dienstbarer Geselle, der den
Zaun aus grobem Holze zimmert, wie ihm vorgezeichnet ist, und die gezimmerten
Pfähle an einander nagelt, für den Garten, den der Meister bauen will. Des
Verstandes ganzes Geschäft ist Notwerk. Vor dem Unsinn, vor dem Unrecht schützt
er uns, indem er ordnet; aber sicher zu sein vor Unsinn und vor Unrecht ist doch
nicht die höchste Stufe menschlicher Vortrefflichkeit.
    Vernunft ist ohne Geistes-, ohne Herzensschönheit, wie ein Treiber, den der
Herr des Hauses über die Knechte gesetzt hat; der weiß, so wenig, als die
Knechte, was
