 Leben der Natur zu
wenig, um nicht mit Aberglauben am Gesetzlichen zu hängen.
    Der Atener kann die Willkür nicht ertragen, weil seine göttliche Natur
nicht will gestört sein, er kann Gesetzlichkeit nicht überall ertragen, weil er
ihrer nicht überall bedarf. Drako taugt für ihn nicht. Er will zart behandelt
sein, und tut auch recht daran.
    Gut! unterbrach mich einer, das begreif ich, aber, wie dies dichterische
religiöse Volk nun auch ein philosophisch Volk sein soll, das seh ich nicht.
    Sie wären sogar, sagt ich, ohne Dichtung nie ein philosophisch Volk gewesen!
    Was hat die Philosophie, erwidert' er, was hat die kalte Erhabenheit dieser
Wissenschaft mit Dichtung zu tun?
    Die Dichtung, sagt ich, meiner Sache gewiss, ist der Anfang und das Ende
dieser Wissenschaft. Wie Minerva aus Jupiters Haupt, entspringt sie aus der
Dichtung eines unendlichen göttlichen Seins. Und so läuft am End auch wieder in
ihr das Unvereinbare in der geheimnisvollen Quelle der Dichtung zusammen.
    Das ist ein paradoxer Mensch, rief Diotima, jedoch ich ahn ihn. Aber ihr
schweift mir aus. Von Athen ist die Rede.
    Der Mensch, begann ich wieder, der nicht wenigstens im Leben Einmal volle
lautre Schönheit in sich fühlte, wenn in ihm die Kräfte seines Wesens, wie die
Farben am Irisbogen, in einander spielten, der nie erfuhr, wie nur in Stunden
der Begeisterung alles innigst übereinstimmt, der Mensch wird nicht einmal ein
philosophischer Zweifler werden, sein Geist ist nicht einmal zum Niederreissen
gemacht, geschweige zum Aufbaun. Denn glaubt es mir, der Zweifler findet darum
nur in allem, was gedacht wird, Widerspruch und Mangel, weil er die Harmonie der
mangellosen Schönheit kennt, die nie gedacht wird. Das trockne Brot, das
menschliche Vernunft wohlmeinend ihm reicht, verschmähet er nur darum, weil er
ingeheim am Göttertische schwelgt.
    Schwärmer! rief Diotima, darum warst auch du ein Zweifler. Aber die Atener!
    Ich bin ganz nah an ihnen, sagt ich. Das große Wort, das en diaperon eayto
(das Eine in sich selber unterschiedne) des Heraklit, das konnte nur ein Grieche
finden, denn es ist das Wesen der Schönheit, und ehe das gefunden war, gabs
keine Philosophie.
    Nun konnte man bestimmen, das Ganze war da. Die Blume war gereift; man
konnte nun zergliedern.
    Der Moment der Schönheit war nun kund geworden unter den Menschen, war da im
Leben und Geiste, das Unendlicheinige war.
    Man konnt es aus einander setzen, zerteilen im Geiste, konnte das Geteilte
neu zusammendenken, konnte so das Wesen des Höchsten und Besten mehr und mehr
erkennen und das Erkannte zum Gesetze geben in des Geistes mannigfaltigen
Gebieten.
    Seht ihr nun
