 so werden sie, wie
Schwestern, und verlassen uns nicht.
    Wir saßen einst zusammen auf unsrem Berge, auf einem Steine der alten Stadt
dieser Insel und sprachen davon, wie hier der Löwe Demostenes sein Ende
gefunden, wie er hier mit heiligem selbsterwähltem Tode aus den macedonischen
Ketten und Dolchen sich zur Freiheit geholfen - Der herrliche Geist ging
scherzend aus der Welt, rief einer; warum nicht? sagt ich; er hatte nichts mehr
hier zu suchen; Athen war Alexanders Dirne geworden, und die Welt, wie ein
Hirsch, von dem großen Jäger zu Tode gehetzt.
    O Athen! rief Diotima; ich habe manchmal getrauert, wenn ich dahinaussah,
und aus der blauen Dämmerung mir das Phantom des Olympion aufstieg!
    Wie weit ists hinüber? fragt ich.
    Eine Tagreise vielleicht, erwiderte Diotima.
    Eine Tagereise, rief ich, und ich war noch nicht drüben? Wir müssen gleich
hinüber zusammen.
    Recht so! rief Diotima; wir haben morgen heitere See, und alles steht jetzt
noch in seiner Grüne und Reife.
    Man braucht die ewige Sonne und das Leben der unsterblichen Erde zu solcher
Wallfahrt.
    Also morgen! sagt ich, und unsre Freunde stimmten mit ein.
    Wir fuhren früh, unter dem Gesange des Hahns, aus der Reede. In frischer
Klarheit glänzten wir und die Welt. Goldne stille Jugend war in unsern Herzen.
Das Leben in uns war, wie das Leben einer neugebornen Insel des Ozeans, worauf
der erste Frühling beginnt.
    Schon lange war unter Diotimas Einfluss mehr Gleichgewicht in meine Seele
gekommen; heute fühlt ich es dreifach rein, und die zerstreuten schwärmenden
Kräfte waren all in Eine goldne Mitte versammelt.
    Wir sprachen unter einander von der Trefflichkeit des alten Atenervolks,
woher sie komme, worin sie bestehe.
    Einer sagte, das Klima hat es gemacht; der andere: die Kunst und
Philosophie; der dritte: Religion und Staatsform.
    Atenische Kunst und Religion, und Philosophie und Staatsform, sagt ich,
sind Blüten und Früchte des Baums, nicht Boden und Wurzel. Ihr nehmt die
Wirkungen für die Ursache.
    Wer aber mir sagt, das Klima habe dies alles gebildet, der denke, dass auch
wir darin noch leben.
    Ungestörter in jedem Betracht, von gewaltsamem Einfluss freier, als irgend
ein Volk der Erde, erwuchs das Volk der Atener. Kein Eroberer schwächt sie,
kein Kriegsglück berauscht sie, kein fremder Götterdienst betäubt sie, keine
eilfertige Weisheit treibt sie zu unzeitiger Reife. Sich selber überlassen, wie
der werdende Diamant, ist ihre Kindheit. Man hört beinahe nichts von ihnen, bis
in die Zeiten des Pisistratus und Hipparch. Nur wenig Anteil nahmen sie am
trojanischen Kriege, der, wie im Treibhaus, die meisten griechischen Völker zu
früh
